Posts mit dem Label Rezensionen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Rezensionen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 16. August 2017

[Rezension] Lord of Shadows – Cassandra Clare

Da es sich hierbei um den zweiten Teil einer Reihe handelt, kann die Rezension Spoiler enthalten.


Inhalt
Emma und Julian hofften, dass Distanz ihre verbotene Liebe mindern würde, doch ihr Parabatai-Bund ist stärker denn je. Eine Reise in die Welt der Feen bringt ihnen eine Möglichkeit, den Bund zu brechen, und einen neuen Feind: den Feenkönig, Kierans Vater.
Auch in den Reihen der Schattenjäger werden Intrigen geschmiedet, als sich eine neue Organisation herauskristallisiert. Der Cohort setzt sich für die Trennung von Schattenwesen und Schattenjägern ein, und schreckt dabei vor keiner Brutalität zurück…

Meine Meinung
Ich habe Lady Midnight geliebt. Dann habe ich Lord of Shadows gelesen.
Nach mittlerweile über acht Jahren bin ich immer noch jedes Mal aufs Neue überrascht, wie es Cassandra Clare wieder und wieder gelingt, mich vollkommen zu begeistern. Ich dachte, Lady Midnight wäre grandios, wenn nicht sogar ihr bestes Werk – aber wenn man mich fragt, verblasst es neben Lord of Shadows. Als hätte es sorgsam und gemächlich das Fundament gelegt, und Lord of Shadows wäre das atemberaubende Bauwerk darauf, das so viele sorgsam gestaltete Details enthält, dass man gar nicht weiß, wo man mit dem Staunen anfangen soll.
Von der ersten Seite an hatte mich das Buch gepackt; Cassandra Clare legt ein ungewohntes Tempo vor, und es gibt nur wenige ruhige Momente in Lord of Shadows. Ich stand kontinuierlich unter Strom, während ich das Buch gelesen habe, konnte und wollte es nicht weglegen – die Bedrohung von Malcom im ersten Band war meiner Meinung nach gar nichts gegen das Grauen, das auf die Schattenjäger in Lord of Shadows wartet. Gerade, weil es von mehreren Seiten kommt, und darüber hinaus Dimensionen annimmt, die mich als Leser schlichtweg schockierten.
Womit ich mir ganz sicher bin: Lord of Shadows ist Clares düsterstes Buch. Die Charaktere stehen nicht nur vor Entscheidungen ungeahnter Größe und Brutalität, sondern machen darüber hinaus unmoralische Dinge und betreten Wege, die ich nicht für möglich gehalten hätte. In anderen Büchern von Clare hatte ich oft das Gefühl, dass die Charaktere durchweg undurchdachte Entscheidungen treffen; auch das ist bei Lord of Shadows nicht mehr der Fall. Ich schätze, das liegt nicht zuletzt daran, in welchen Zeiten Emma und die Blackthorns aufgewachsen sind, und wie diese sie dazu gezwungen haben, viel zu früh erwachsen zu werden.
Das Buch erhält außerdem mit dem Auftreten des Cohorts eine politische Note, die ebenfalls neu für Clare ist und – neben den Charakteren, natürlich – fast mein "Lieblings"aspekt des Buches ist. Die extremistischen Einstellungen dieser Gruppe waren erschreckend, widerwärtig… und verdammt real, wie eine beängstigende Prophezeiung vonseiten Clares. Gerade, wenn man einen Blick auf aktuelle Entwicklungen wirft, wirkt Lord of Shadows wie ein unheimlicher Spiegel, den man eigentlich nicht wahrhaben will.
Kurzum: Der Plot von Lord of Shadows ist pure Genialität. Dass das Buch 700 Seiten schwer ist, hat man – gerade im Kontrast zu Lady Midnight – an keiner Stelle gemerkt.
Wahrscheinlich verdreht jemand von euch jetzt die Augen, aber das Herz der Geschichte sind – wie üblich – die Charaktere. Eine unangenehme Wahrheit gleich im Voraus: Am wenigsten interessiert hat mich Emma und Julians Beziehung. Versteht mich nicht falsch, ich habe die Szenen geliebt, in denen gezeigt wird, wie gut sie miteinander arbeiten können. Ich kann jedoch nur begrenzt die romantische Spannung nachvollziehen, und von allen Ships in dem Buch interessiert mich ihres letztendlich am wenigsten. (Auch wenn ich mir… Sorgen mache, ob/wie der Parabatai-Bund gelöst wird.) Ich mag auch Emma viel lieber als Julian, hauptsächlich, weil ich bei ihren Szenen mehr das Gefühl hatte, dass sie auf den Punkt kommt – bei Julian ist alles oft viel zu kompliziert, und in der nächsten Sekunde jagt mir der Junge Angst ein. (Obwohl Emma definitiv der einzige Charakter in der Reihe ist, der sich immer noch kopflos in wahnwitzige Gefahren stürzt.)
Dafür haben mich die anderen Charaktere (und ihre Liebeleien) viel mehr überzeugt. Ich war überrascht, wie sehr mir die Blackthorns letztendlich am Herz liegen, da ich mich nach Lady Midnight noch davon überzeugen wollte, dass ich sie ja gar nicht sooo gern mag. Aber ganz im Ernst – das Trio Livvy, Ty und Kit war einfach mein persönliches Highlight! Gerade Kit stand ich im ersten Band noch skeptisch gegenüber, in Lord of Shadows hat er mein Herz im Sturm erobert. Es ist spannend, zu sehen, dass er zwar neu in den Schattenjäger-Reihen ist, aber dennoch einiges über sie weiß. Besonders herzerwärmend war es, zu lesen, wie er insbesondere von den Zwillingen aufgenommen wurde, und grundsätzlich brachte er einfach etwas Erfrischendes in die Runde. Die Herondales sind schon genial.
Von Cristina war ich bereits im ersten Buch ein Fan, und das hat sich in Lord of Shadows nicht im Geringsten verändert: Mit ihrer erwachsenen, ehrlichen Art ist sie gute Seele und Ruhepol gleichermaßen. Auch mit Mark wurde ich vollends warm, und selbst, was die Entwicklungen Kierans anbetrifft, hat Clare gezeigt, dass in ihm tatsächlich ein junger Mann steckt, den man ins Herz schließen könnte.


Spoiler! (Cristina, Mark und Kieran)
Ich kann nicht die Einzige sein, die die Andeutung des Liebesdreiecks mitgekriegt hat?! Im Buch wird es zumindest sehr subtil eingebracht, aber ich hoffe dennoch, dass das nicht weiter verfolgt wird. Cristina hat genug mit Diego durchgemacht, und ihr Tanz mit Kieran war zwar wirklich eindrucksvoll beschrieben… aber wenn sie tatsächlich sich in ihn verlieben würde, hätte ich Angst, dass das nur ihrer Affinität zu Feen zuzuschreiben ist. Aber vielleicht interpretiere ich auch zu viel in das Ganze.


Grundsätzlich bin ich überrascht, wie viele Fragen und offene Stränge Lord of Shadows zurückgelassen hat. Von der plötzlichen Brutalität des Endes, vor der mich haufenweise Leute schon gewarnt haben (nett gemeint, hat aber nichts geholfen! :D), mal ganz abgesehen, habe ich das Gefühl, dass es noch so viele offene Fragen gibt! Ich finde es gar nicht so schlimm, dass Queen of Air and Darkness erst 2019 erscheinen soll, weil Clare sich auch dieses Mal bei der Reihenfolge der Bücher etwas gedacht hat; vielmehr stellt sich mir die Frage, wie zur Hölle sie das alles in einem Buch abwickeln will? Entweder hat der dritte Band über 1000 Seiten oder ich sterbe in jedem Kapitel einen literarischen Tod. Ich bin für die erste Option, bitte danke.
Und ja, das Ende war wirklich heftig. Überraschenderweise habe ich keine Träne vergossen, weil ich so geschockt war, aber damit gerechnet hätte ich niemals.


Spoiler (auch für The Mortal Instruments)! (Ende; offene Handlungsstränge)
Ich habe damit gerechnet, dass jemand stirbt, aber ich hätte niemals damit gerechnet, dass es Livvy sein wird. Ich hätte mehr mit Julian gerechnet, ehrlich gesagt (okay, und vielleicht habe ich es mir gewünscht, jetzt lyncht mich nicht). Ist es bescheuert, dass ich fast noch trauriger wegen Roberts Tod bin? Klar hat er viel Mist angestellt, aber dass Clare einfach einen Charakter aus den Mortal Instruments tötet, trifft mich am meisten. Sie hat damit klargemacht, dass niemand sicher ist, und auch in einem Interview gesagt, dass wir erst nicht mehr um unsere Charaktere fürchten brauchen, wenn die Schattenjäger-Bücher abgeschlossen sind. Sehr beruhigend also. Lasst uns an Clarys Worte zurückdenken und schreien.
Wie auch immer – Roberts Tod verkompliziert alles, weswegen ich wirklich besorgt bin, was Julian angesichts des Angebots der Feenkönigin unternehmen wird. Gerade, weil er Livvy verloren hat. Puh…
Und was zur Hölle hatte es mit dem Kind auf sich, das Dru in der Feenwelt sieht?! Das wird in LoS überhaupt nicht mehr aufgenommen, und da gibt es einfach so viele Fragen zu beantworten. Ich ordne mich bei der Meinung ein, die ich oft kursieren habe sehen: dass es sich dabei insgeheim um Sebastians Kind handelt. Es passt einfach zu gut mit dem Aussehen! Auch wenn die Vorstellung… minimal verstörend ist.


Es gibt nur noch einen Punkt, über den ich mich noch nicht begeistert ausgesprochen habe – auch in Lord of Shadows gibt es wieder zahlreiche altbekannte Charaktere, die auftauchen. Ich will euch gar nicht verraten, wer, aber die Besuche werden länger und intensiver und es ist einfach fantastisch. Der Traum eines Fans, quasi.
Mittlerweile seid ihr mein Geschwärme vermutlich leid – kurz gesagt: Ich glaube tatsächlich, dass Lord of Shadows Clares bestes Werk ist, aber das ändert sich vermutlich mit den nächsten Büchern, die sie auf den Markt bringt. Bis dahin seid ihr vor weiteren Lobtiraden sicher. Und wenn du das hier noch liest und das Buch noch nicht kennst, dann, bitte, tu mir den Gefallen und hole das gefälligst nach.

Fazit
Lord of Shadows ist nur ein weiterer Beweis dafür, wie sehr Cassandra Clare als Autorin gewachsen ist. Die Geschichte entwickelt sich auch in der Hinsicht von Diversität weiter, die Geschwindigkeit des Plots nimmt ungeahnte Dimensionen an und auch in Charakterhinsicht brilliert das Buch auf voller Linie.
(Und allein die Tatsache, dass die Rezension über 1200 Wörter fasst und mir immer noch Dinge einfallen, die ich loben könnte, sollte euch Kaufgrund genug sein.)


Lord of Shadows ⚬ Hardcover: 700 Seiten ⚬ Margaret K. McElderry Books ⚬ Band 2/3 ⚬ ca. 17,99€*

*Affiliate-Link im Rahmen des amazon Partnerprogramms. Wenn ihr über den Link etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision, für euch entstehen keine Mehrkosten.

Samstag, 5. August 2017

[Rezension] Die Königin der Schatten - Verflucht – Erika Johansen

Da es sich hierbei um den zweiten Teil einer Trilogie handelt, kann die Rezension Spoiler enthalten.



Inhalt
Kelsea Glynn ist jetzt Königin, doch Frieden kehrt noch lange nicht in Tearling ein. Da sie das Abkommen mit der Roten Königin gebrochen hat, ist die Mort-Armee jetzt auf dem Vormarsch, und sie bringt mit sich einen Krieg, den Kelsea unmöglich gewinnen kann. Doch dann tut sich eine mysteriöse Verbindung zu der Vergangenheit auf, die womöglich alles ändern könnte…

Meine Meinung
Als ich Die Königin der Schatten - Verflucht in die Hand nahm, hatte ich befürchtet, Anschlussschwierigkeiten zu haben, da das Lesen des ersten Bandes über anderthalb Jahre zurückliegt. Deshalb war ich umso positiver überrascht, als sich meine Befürchtungen als größtenteils unbegründet herauskristallisierten: Ein ganz grobes Hintergrundwissen reicht, um fast alles in Band 2 zu verstehen, nur bei kleinen Details war ich manchmal verwirrt. Meinem Lesevergnügen hat es zumindest keinen Abbruch getan, und ich musste mir nicht die Zeit nehmen, den ersten Band ein zweites Mal zu lesen (nicht zuletzt, weil der wiederum 500+ Seiten misst).
Das Stichwort ist bereits gefallen: Die Königin der Schatten - Verflucht war von der ersten bis zur letzten Seite ein einziges Vergnügen. Ich bin überrascht, wie gut mir der Band gefiel. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich mittlerweile selbst in Kelseas Altersklasse bewege, aber stand ich der Protagonistin im ersten Band noch zwiegespalten gegenüber, habe ich sie jetzt endgültig ins Herz geschlossen. Gerade, weil sie in ihren ersten Wochen als Königin Fehlentscheidungen getroffen hat und immer noch trifft. Aber immerhin trifft sie Entscheidungen, tritt die Politik nicht nur an irgendwelche Untertanen ab, sondern beteiligt sich aktiv – und sieht auch ihre Verfehlungen ein.
Schmerz entwaffnet nur die Schwachen.
(Die Königin der Schatten - Verflucht, Erika Johansen, Heyne)
Kelsea ist eine Protagonistin mit zahlreichen Makeln, und gerade die Tatsache, dass sie das selbst sieht, macht sie in meinen Augen so sympathisch. Es gibt einfach zu viele Protagonistinnen, die ihr Handeln kein einziges Mal hinterfragen, und Johansen gelingt hier ein erfrischender Twist. In dem zweiten Band entwickelt Kelsea sich noch dazu in eine sehr düstere Richtung, die mich unglaublich faszinierte und mich realisieren ließ, wie sehr ich sie unterschätzt habe. Das teils naive Mädchen aus dem ersten Band ist einer starken Frau gewichen, die sich den Konsequenzen ihrer Handlungen stellt.
Ein kurzer Einwand dazu (für diesen Absatz gilt eine Triggerwarnung für selbstverletzendes Verhalten!): In Folge der Verdüsterung ihres Charakters entdeckt Kelsea auch, dass sie durch ihre bloßen Gedanken Leute verletzen kann. Um ihre Wut zu "kontrollieren", richtet Kelsea diese Kraft immer öfter gegen sich selbst und lässt ihre Haut aufreißen. An mehreren Stellen im Buch wird beschrieben, wie ihre Arme und Beine Wunden zeigen, bluten, etc., und sie tauscht sich sogar mit einem anderen Charakter darüber aus, der ähnlich fühlt. Das finde ich, kurzum gesagt, katastrophal: Es wird ganz deutlich und explizit ein selbstverletzendes Verhalten gezeigt, ohne die Problematiken dessen zu thematisieren. Dass Kelsea es als Ventil für ihre Wut gebraucht, wird als vollkommen akzeptabel dargestellt, was dem Buch stellenweise einen bitteren Beigeschmack verlieh.
Auch die Nebencharaktere, insbesondere Kelseas Königsgarde, oder zum Beispiel Pater Tyler, sind exzellent herausgearbeitet und brillieren als eigenständige Figuren, nicht nur als Hilfswerke der Protagonistin. Jedem wird eine eigene Stimme und eigene Charakteristika verliehen; dass das Buch auch aus anderen Sichtweisen erzählt wird und nicht nur aus Kelseas, hat mich nicht im Geringsten gestört. Im Gegenteil: Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, zu sehen, wie unterschiedlich die Perspektiven auf die Ereignisse sein können und wo Intrigen geschmiedet und Ereignisse enthüllt werden, von denen Kelsea noch gar keine Idee hat.
Und Kelsea fragte sich plötzlich, ob die Menschheit sich je änderte. […] Das bestimmendste Charakteristikum dieser Spezies war wohl die Verfehlung.
(Die Königin der Schatten - Verflucht, Erika Johansen, Heyne)
Schon in Die Königin der Schatten hat mich der Weltenbau ganz besonders fasziniert: Obwohl Kelseas Welt mittelalterliche Zustände darstellt, spielt die Geschichte etwa im Jahr 2300, ist also eine verquere Zukunftsvision. Im ersten Band gab es für meinen Geschmack noch zu wenig Informationen über diese Welt, was sich im zweiten drastisch ändert: Erika Johansen baut über Kelseas Visionen die Perspektive einer Frau namens Lily Mayhew ein, die im 21. Jahrhundert lebt und sich gerade in dieser Umbruchphase befindet.
Zugegeben: Ich stand Lilys Kapiteln etwas zwiegespalten gegenüber, nicht zuletzt, weil ihre Perspektive einen Großteil des Buches einnimmt, was mich etwas abschreckte, weil ja eigentlich Kelseas Geschichte erzählt wird. Auch wenn ich die Ereignisse der Vergangenheit unglaublich spannend fand (dazu gleich noch mehr), fragte ich mich immer wieder, welche Bedeutung ihre Perspektive jetzt für Kelseas Gegenwart hat. Zum Ende des Buches hin werden mehr Parallelen gezogen, aber auch diese erschienen mir etwas an den Haaren herbeigezogen und ließen mich eher unbefriedigt zurück, nachdem ich so viel Zeit mit Lily verbracht hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass man Lilys Sichtweise stark hätte kürzen können – aber, wie gesagt, da die Ereignisse zu ihrer Zeit an sich nicht uninteressant waren, störten mich ihre Passagen nicht zum Lesezeitpunkt, sondern eher im größeren Zusammenhang.
Und, wie bereits angedeutet: Die Essenz des Weltenbaus ist einfach unglaublich genial! Ich habe noch nie etwas Vergleichliches gelesen. Was Erika Johansen in Die Königin der Schatten - Verflucht ausführt, ist kreativ und faszinierend und erschreckend zugleich. Ich kann aufgrund von Spoilern nicht ins Detail gehen, aber sie löst sich etwas von dem dystopischen Weltenentwurf und widmet sich Leuten zu, die bewusst eine Utopie schaffen wollten. Ich bin immer noch begeistert; es ist einfach vollkommen anders als alles, was ich jemals gelesen habe. Johansen revolutioniert High Fantasy, und sie macht es mit einer beeindruckenden Leichtigkeit.
Kurz gesagt: Obwohl Die Königin der Schatten - Verflucht über 600 Seiten stark ist, habe ich die Dicke des Buches höchstens in den Momenten gespürt, in denen mein Handgelenk nachgeben wollte. Die Kapitel flogen förmlich an mir vorbei, und ich war konstant gespannt, wie Kelseas Geschichte weitergeht, ob sich eine Lösung finden lässt, um die Mort-Invasion irgendwie zu stoppen. Vermutlich ist das Buch einer der besten zweiten Bände, die ich jemals gelesen habe.

Fazit
Die Königin der Schatten - Verflucht ist ein grandioser zweiter Band, der die Schwachstellen des Auftakts ausmerzt und mit seiner Originalität beeindruckt. Trotz ein paar kleinerer Kritikpunkte flogen die Seiten förmlich an mir vorbei, und ich bin unglaublich gespannt darauf, welches Ende Kelseas Geschichte nehmen wird!


Vielen Dank an Heyne für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Die Königin der Schatten - Verflucht ⚬ übersetzt von Sabine Thiele ⚬ Broschüre: 608 Seiten ⚬ Band 2/3 ⚬ Heyne Verlag ⚬ 14,99€*

*Affiliate-Link im Rahmen des amazon Partnerprogramms. Wenn ihr über den Link etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision, für euch entstehen keine Mehrkosten.

Sonntag, 23. Juli 2017

[Rezension] Ein Kuss aus Sternenstaub — Jessica Khoury


Inhalt
500 Jahre ist es her, seitdem die Dschinny Zahra aus ihrer Lampe befreit wurde. Und zwar von dem Dieb Aladdin, der durch einen mysteriösen Ring zu ihr geführt wurde. Er benötigt Zahras Dienste, um den Tod seiner Eltern zu rächen. Während der darauffolgenden Wochen kommen die beiden sich immer näher — aber eine Liebe zwischen Dschinny und Menschen ist verboten und bedeutet den Tod...

Meine Meinung
Es war Mara von cakes & colors, die mich vor über einem Jahr in ihrer Rezension zu The Forbidden Wish (OT) meine Neugier weckte. Als ich dann vor ein paar Monaten entdeckte, dass das Buch auf Deutsch erscheinen würde, betrachtete ich das als Wink des Schicksals, es endlich zu lesen. Und so viel vorweg: Es hat mich nicht enttäuscht!
Seit AMANI — Rebellin des Sandes bin ich auf den Geschmack von Geschichten mit orientalischem Setting gekommen. Dieses gestaltet Jessica Khoury auf wundersame Weise in Ein Kuss aus Sternenstaub aus. Von Beschreibungen der Stadt über die Kleidungen der Figuren bis hin zu Bräuchen — alles ist bis ins Detail ausgearbeitet. Obwohl es sich bei dem Buch um einen Einzelband handelt, hat man nicht das Gefühl, einen unvollständigen Weltenbau zu erhalten. Fremde Begriffe werden nach und nach erklärt oder geschickt in den Text eingeflochten, sodass man der Geschichte gut folgen kann und mit Zahras Welt vertraut wird.
"Sogar ein Dieb kann Ehre haben, und sogar eine Dschinny hat vielleicht ein Herz."
(Ein Kuss aus Sternenstaub, Jessica Khoury, cbj)
Allein die Idee des Buches ist spannend und originell — Khoury platziert mit Zahra ganz bewusst eine starke Frau in das Zentrum der Geschichte, die eigensinnige und gleichzeitig moralisch zwielichtige Entscheidungen trifft. (Zugegeben: An manchen Stellen wirkt Zahra nicht wie die 4000-jährige Frau, die sie eigentlich ist, aber das verzeihen wir ihr.) Sie ist quasi Aladdin überlegen, obwohl er gleichzeitig als Lampenbesitzer ihr Gebieter ist, was die Beziehung der beiden ungleich und in der Konsequenz unglaublich faszinierend gemacht hat.
Ehrlich gesagt — es gibt bessere Romanzen als die zwischen Zahra und Aladdin. Aber durch die Machtdifferenz zugunsten Zahras ist ihre originell, und Aladdin ist keiner dieser verpönten Bad Boys, die man heutzutage überwiegend in Young Adult antrifft. Ihre Beziehung hat mich also nicht gestört, mich aber auch nicht großartig berührt.
Auch Aladdin an sich fand ich etwas enttäuschend. Zu Beginn des Buches zeigt er solide Motive, die sich dann im Laufe der Handlung verflüchtigen und auch in seiner Liebe zu Zahra etwas untergehen. Da wäre definitiv noch einiges mehr gegangen! Es geht doch nichts über eine gute Charaktermotivation; Aladdin ist leider der zielloseste Charakter von allen.
Viel spannender hingegen fand ich Zahras Vergangenheit, die sie auch 500 Jahre später noch verfolgt: Auch damals ist ihr Liebe zum Verhängnis geworden, wenn auch diese ganz anders interpretiert wird. Ein schöner Twist, der zeigt, dass es auch platonische Beziehungen gibt.
Besonders viel Frauenpower beweist Ein Kuss aus Sternenstaub bei seinen Nebencharakteren, an ihrer Spitze Prinzessin Caspida mit ihren Wachmaiden. Caspida hat mit ihrem unglaublich starken Willen, ihrer Determination und schließlich ihrer Freundschaft zu Zahra das Buch für mich einfach abgerundet. (Ausnahmsweise würde ich mich für ein Spin-Off aussprechen!)
Der Preis jeder Lüge ist, dass die Wahrheit immer an den Tag kommen wird.
(Ein Kuss aus Sternenstaub, Jessica Khoury, cbj)
Die Charaktere und das fantastische Setting trösten auch darüber hinweg, dass der Plot manchmal etwas hinkt — damit meine ich überhaupt nicht, dass es dem Buch an Spannung fehlt, im Gegenteil! Gerade die politischen Aspekte der Handlung haben mich unglaublich fasziniert. Ich finde lediglich, dass Khoury bei manchen brenzlige Situationen etwas um den Brei geschrieben hat, sozusagen. ;) Besonders beim Ende hätte es so viele Möglichkeiten gegeben, die Autorin wählte aber den (meiner Meinung nach) voraussehbarsten Ausgang.
Aber wie könnte ich über dieses Buch reden, ohne den Schreibstil zu erwähnen? Jessica Khoury schreibt einfach atemberaubend und unglaublich bildhaft, ohne, dass der Text zu dicht wird oder die Vergleiche zu absurd. Allein des Schreibstils wegen muss man das Buch lieben — hinzu kommen aber noch die unglaublich faszinierende Protagonistin Zahra, starke weibliche Nebencharaktere und eine originelle Erzählung, die in mir den Wunsch erweckte, ebenfalls einmal Zahras und Aladdins Parthenien besuchen zu können.

Fazit
Ein Kuss aus Sternenstaub ist ein toller Einzelband, der die Geschichte der Dschinny Zahra erzählt und die Frage nach wirklicher Freiheit ergründet. Es begeistert mit einer originellen Idee, starken weiblichen Charakteren und einem Schreibstil, der dieser Erzählung aus tausendundeiner Nacht wirklich gerecht wird.


Vielen Dank an cbj für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Ein Kuss aus Sternenstaub ⚬ übersetzt von Gabriele Haefs ⚬ Taschenbuch: 448 Seiten ⚬ cbj ⚬ Einzelband ⚬ 9,99€*

*Affiliate-Link im Rahmen des amazon Partnerprogramms. Wenn ihr über den Link etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision, für euch entstehen keine Mehrkosten.

Mittwoch, 12. Juli 2017

[Kurzrezension] Von Experimenten, Überraschungen und Enttäuschungen


Sieben Nächte  Simon Strauß
Worum geht's?
Um einen jungen Mann an der Schwelle zum Erwachsenwerden, der ein Angebot erhält: Sieben Nächte lang soll er den sieben Todsünden begegnen.

Meine Meinung
Mit Sieben Nächte habe ich mich mal wieder außerhalb meiner gewohnten Genres bewegt, weil mich die Idee der Kapitalsünden und die zahlreichen Umsetzungsmöglichkeiten einfach ungemein faszinieren. Das Buch ist mit 144 Seiten extrem kurz, weswegen ich es in einem Rutsch verschlang.
Viele große Worte führe ich im Mund, spreche von Revolution, Freiheit, Leidenschaft und Streit. Aber immer halte ich Distanz und fasse die Begriffe nur mit spitzen Fingern an, so, dass ich sie fallen lassen kann, wenn sie zu heiß werden.
(Sieben Nächte, Simon Strauß, Aufbau Verlag)
In seinem Debüt beweist Strauß eine unglaubliche Sprachgewalt. Ich habe viele Passagen markiert, mir die Wörter wieder und wieder auf der Zunge zergehen lassen. An manchen Stellen war mir der Stil jedoch etwas zu dicht, gerade Antithesen häufen sich in dem Debüt des Autors und erzwangen mir manchmal ein Augenrollen. Auch hätte ich mir gewünscht, etwas mehr inhaltliche Substanz zu erhalten — ich kann gut verstehen, dass die Umrahmung der Realität schwammig sein soll, aber der Text ist so geschrieben, dass es manchmal schwer ist, zu begreifen, was der Erzähler überhaupt tut (oder sagen will).
Grundsätzlich ist Sieben Nächte jedoch ein spannendes Gedankenexperiment, ein literarisches Wagnis, das nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Vom ZDF gibt es übrigens einen spannenden Beitrag über Sieben Nächte (etwa ab 22:45).


Sieben Nächte ○ 144 Seiten  Einzelband ○ Aufbau Verlag 16,00€* (gebundene Ausgabe) 11,99€* (eBook)


How Hard Can Love Be?  Holly Bourne
Worum geht's?
Um Amber, die für sechs Wochen nach Amerika fliegt, um in dem Sommercamp ihrer Mutter, die sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat, auszuhelfen. Doch die Wiedervereinigung verläuft nicht wie erhofft, und die Situation verkompliziert sich, als Amber Kyle kennenlernt.

Meine Meinung
Oh, ich bin mittlerweile ein Holly Bourne-Fan aus ganzem Herzen. Ich habe mit meinen Lobtiraden bei Am I Normal Yet? begonnen, und How Hard Can Love Be? hat mein Herz auf eine ganz andere Art und Weise erobert. (Aber genauso stürmisch.) Zuallererst: Obwohl die Bücher chronologisch aufeinanderfolgen, muss man sie nicht zusammen lesen — sie funktionieren alle ganz wunderbar als Einzelband.
In diesem Buch sind Feminismus und Freundschaft wieder ganz groß geschrieben. Obwohl Amber von ihren besten Freundinnen getrennt ist, skypen die drei regelmäßig und versuchen, ihre Existenzkrisen trotz der gewaltigen Distanz zwischen Amerika und England zu lösen. Gleichzeitig verliebt sich Amber zum ersten Mal — in Kyle. Die Beziehung ist unglaublich gut porträtiert, vor allem hatte ich das Gefühl, dass wir auch Kyle richtig gut kennenlernen. Holly Bourne hat ihm einige Makel verpasst, die ich an noch keinem anderen Loveinterest beobachtet habe, weswegen ich die ganze Geschichte umso cooler fand.
"I'm not a cynic," I protested. "I'm a terminal pessimist with an edge of angry realism."
(Holly Bourne, How Hard Can Love Be?)
Doch auch wenn die Romanze einen gewissen Raum einnimmt, ist sie nicht überwältigend. Stattdessen kommt das große Thema Familie hinzu, insbesondere, was passiert, wenn ein Angehöriger krank ist (Ambers Mutter ist Alkoholikerin) — und dass es trotzdem okay ist, wenn man auch auf sich selbst achtet und sich nicht vollkommen für die kranke Person aufgibt. Das ist eine Perspektive, die ich persönlich noch nie in Young Adult gesehen habe, und ich habe mich umso mehr darüber gefreut.
Kurzum — ich habe How Hard Can Love Be? binnen weniger Tage verschlungen und geliebt (und wie viel ich gelacht habe!). Holly Bourne hat wieder etwas ganz Großartiges geleistet, und ich freue mich auf den dritten Band der Trilogie.


How Hard Can Love Be? ○ 480 Seiten ○ kann als Einzelband gelesen werden ○ 
Usborne Publishing 2,76€* (eBook) ○ 7,99€* (Taschenbuch)


Red Rising  Pierce Brown
Worum geht's?
Um Darrow, ein Roter, der sich in den Mienen auf dem Mars fast zu Tode schuftet. Doch dann erfährt er, dass sein ganzes Leben eine Lüge war: Der Mars ist bereits erschlossen, und die Goldenen schwelgen im Luxus. Darrow schleust sich in ihre Reihen ein, fest entschlossen, sie von innen heraus zu zerstören.

Meine Meinung
Ich habe seit Jahren von Red Rising gehört. "Schuld" daran, dass ich es endlich zur Hand genommen habe, ist ganz klar Julia, die die ganze Trilogie über alles vergöttert. Mich konnte der Hype leider nicht packen, obwohl ich mit keinen sonderlich hohen Erwartungen an das Buch herangegangen bin.
Mein größtes Problem lag vermutlich bei Darrow, oder vielmehr der nüchternen Art und Weise, wie er erzählt. Er war mir, gelinde gesagt, total egal, seine Selbstüberheblichkeit nervte mich die ganze Zeit, nicht zuletzt, weil er auf mich mehr wie ein Anti-Held wirkte. Dennoch hatte die Geschichte irgendetwas an sich, das mich wieder und wieder anzog, auch wenn ich eine gefühlte Ewigkeit an dem Buch las. Die Idee ist spannend, wenn auch der Weltenbau stellenweise etwas konfus erklärt wird und meiner Meinung nach noch einige Dinge offen sind.
Dafür konnte ich die Nebencharaktere um einiges besser leiden, insbesondere Sevro, auch wenn Darrows Sicht sie etwas kaputt machte (da er mit gewaltigen Stereotypen an alle Goldenen herangeht). Vor allem nahm die Geschichte zum Ende hin endlich an Geschwindigkeit zu, weswegen ich es nicht ausschließe, zu Band 2 zu greifen. Meine Neugier ist definitiv geweckt (und ich will immer noch den Hype nachvollziehen)!


Red Rising ○ 576 Seiten ○ Band 1/3 ○ Heyne Verlag ○ 12,99€* (Broschüre)

* Affiliate-Link im Rahmen des amazon Partnerprogramms. Wenn ihr über den Link etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision, für euch entstehen keine Mehrkosten.

Mittwoch, 5. Juli 2017

[Rezension] When Dimple Met Rishi — Sandhya Menon


Inhalt
Als Dimple ihre Eltern überreden kann, auf die Insomnia Com — ein Camp, in dem Jugendliche eigene Apps entwickeln können — gehen zu dürfen, erscheint ihr das wie ein Wunder. Ihr Ziel ist klar: Sie will den Preis gewinnen und Fuß in der Branche fassen.
Rishi hat die Traditionen seines Elternhauses verinnerlicht — so freut er sich auch darauf, als seine Eltern zusammen mit Dimples planen, dass die Wege der beiden Jugendlichen sich auf der Insomnia Con kreuzen sollen, in der Hoffnung, dass sie sich ineinander verlieben und heiraten.
Doch Dimple hat keine Ahnung von dem Arrangement — und sie und Rishi kollidieren bald in mehr als nur einem Aspekt...

Meine Meinung
When Dimple Met Rishi ging (zumindest in der englischsprachigen Bloggerwelt) ein gewaltiger Hype voraus. Schon Monate vor Erscheinen des Buches stolperte ich über eine positive Rezension nach der anderen. Und wenn man mich fragt, wird es diesem Hype gerecht — zumindest in den Aspekten, die auch angepriesen wurden.
Zuallererst: Dimple und Rishi haben mich zu 150% überzeugt. Okay, Dimple vielleicht zu 100, und Rishi doppelt so sehr — aber meine Güte, die beiden sind einfach herrlich. Dimple lebt für ihre Passion — alles, was mit Computern zutun hat — und ist unglaublich eigenständig und zögert vor allem nicht, für das zu kämpfen, was sie möchte. Obwohl ihre Mutter sie in eine ganz andere Frauenrolle (idealerweise geschminkt und verheiratet) pressen will, lehnt sie sich dagegen auf und hinterfragt ganz bewusst die Werte, für die sie steht.
Rishi ist zumindest in der Hinsicht das krasse Gegenteil: Er unterstützt die Idee der arrangierten Ehe und kann es kaum abwarten, Dimple zu treffen. Außerdem hat er einen festen Plan, will an eine technische Universität gehen, heiraten, Kinder kriegen — seine wahre Leidenschaft, die Kunst (speziell Comics), muss seiner Überzeugung nach dafür auf der Strecke bleiben. Gleichzeitig setzt er sich unglaublich für die Leute ein, die ihm am Herzen liegen.
Es war unglaublich spannend, zu sehen, wie die zwei Jugendlichen mit teils so unterschiedlichen Wertvorstellungen lernten, einen Mittelweg zu finden. So banal das auch klingen mag: Sie unterhielten sich tatsächlich darüber. Ich finde, man sieht in der Literatur viel zu selten (angehende) Paare, die etwas anderes tun, außer sich zu streiten/ignorieren und übereinander herzufallen. Auch wenn Dimple und Rishi in einem sehr kurzen Zeitraum von sechs Wochen sich kennen (und lieben?) lernen, geht ihre Beziehung nicht einfach von 0 auf 100. Sie müssen zuallererst lernen, miteinander auszukommen, mit dieser absurden Situation umzugehen, und werden allmählich Freunde, als sie mehr Zeit miteinander verbringen.
Und, ich kann es nicht oft genug betonen, ich habe die beiden SO SEHR geshippt. Ich habe wirklich für die beiden mitgefiebert. Denn Sandhya Menon gelingt es mit Bravour, eine Chemie zwischen den beiden entstehen zu lassen, die einfach so... echt wirkt. Ich war und bin vollkommen begeistert! (Und hätte auch gerne einen Rishi, bitte danke!)
Auch wenn ich nicht für die Repräsentation sprechen kann, möchte ich noch kurz auf die Darstellung der indischen Kultur in dem Buch eingehen. Die Autorin flicht geschickt indische Phrasen ein oder schlichtweg Begriffe für Kleidungsstücke oder besondere Speisen, was mich oft dazu verleitete, nach den Wörtern zu googeln — eine coole Art und Weise, mehr über eine Kultur zu lernen. Besonders schön, dass es sich hierbei um Own Voices handelt.
Es gibt letztendlich zwei Kritikpunkte, die ich an When Dimple Met Rishi äußern kann: Für die Tatsache, dass Dimple extra an einem Coding-Camp teilnimmt, geht es überraschend wenig um ihr Hobby, beziehungsweise darum, was sie explizit für den Wettbewerb macht. Das ist einfach schade, weil dieser Einblick sehr spannend (und definitiv neuartig) gewesen wäre!
Mein zweiter Kritikpunkt ist das Ende — nicht die Art, wie es endet, sondern, dass einfach ein paar Ereignisse auf den letzten Seiten einerseits unnötiges Drama erzeugen und andererseits so... voraussehbar sind? Vermutlich der einzige Aspekt, in dem When Dimple Met Rishi auch nur irgendein Klischee ansatzweise erfüllt.
Aber was soll ich sagen — insgesamt habe ich das Buch geliebt, und ich möchte abermals betonen, dass die Repräsentation einer realistischen und gesunden Beziehung einfach unglaublich gut gelungen ist. Ich habe Dimple und Rishi vollkommen ins Herz geschlossen, und war verdammt traurig (okay, vielleicht habe ich geheult), sie gehen lassen zu müssen.* Ein absolutes Must-Read, vielleicht sogar, wenn ihr sonst weniger YA Contemporary lest, und erst recht, wenn ihr Lust auf ein diverses Jugendbuch habt, das mit den altbackenen Klischees bricht.

Fazit
When Dimple Met Rishi ist ein Jugendbuch par excellence: Sandhya Menon überzeugt mit unglaublich charmanten Charakteren, deren (holpriger Weg zu einer) Beziehung einfach herzerwärmend ist. Dauergrinsen und -kichern garantiert!


When Dimple Met Rishi ⚬ Paperback: 384 Seiten ⚬ Simon Pulse ⚬ Einzelband ⚬ 9,99€**

* Dafür gibt es bereits gute Nachrichten: Sandhya Menon hat bereits ihr nächstes Projekt — When Ashish Met Sweetie — angekündigt, in welchem Rishis Bruder ins Scheinwerferlicht treten darf!
** Affiliate-Link im Rahmen des amazon Partnerprogramms. Wenn ihr über den Link etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision, für euch entstehen keine Mehrkosten.

Samstag, 24. Juni 2017

[Rezension] Am I Normal Yet? — Holly Bourne


Inhalt
Evie will nur normal sein. Immerhin wurde die Dosis ihrer Medikamente verringert, und dass sie ein Date hat, muss bedeuten, dass es aufwärts geht, nicht wahr? Doch dann wird das Date nicht nur zu einem Albtraum, auch das Gefühlsdrama lässt Evie befürchten, wieder in alte Muster zurückzufallen. Das einzig Gute: Auf der Party, auf welcher ihr Date den Bach runterging, hat sie Amber und Lottie kennengelernt, mit denen sie sich ziemlich schnell anfreundet. Doch wie kann sie sich helfen lassen, wenn ihre Freunde nicht über ihre Krankheit Bescheid wissen?

Meine Meinung
Ich habe Am I Normal Yet? aus einer reinen Laune heraus gekauft. Das eBook war günstig, es klang nach einem etwas anderen Jugendbuch, und die Bewertungen bei Goodreads waren überraschend gut. Holly Bourne hat bereits ziemlich viele Bücher veröffentlicht, und ich bin fest entschlossen, in der Zukunft noch mehr von ihr zu lesen!
Aber zurück zum Anfang: Am I Normal Yet? hat schon eine ganz besondere Prämisse. Wir haben ein Jugendbuch, das sich auf Thematiken konzentriert, die in anderen Büchern oft untergehen oder gar nicht erst erwähnt werden: Freundschaft, Mental Health und Feminismus. Allein schon den Versuch zu unternehmen, das in ein Buch zu packen, finde ich bewundernswert — hinzu kommt, dass Holly Bourne verdammt gute Arbeit geleistet hat.
"When boys get older, if they don't find someone they get called bachelors. We get called spinsters. There isn't a word that means male spinster. Just like there isn't a word for a guy who sleeps around — whereas there are TONS for girls. The Englisch language itself is sexist — it reinforces those overgeneralized, screwed-up notions about how boys and girls are allowed to be..."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)
Die Freundschaft der drei Mädchen — die später den Spinster Club (dt. Club der alten Jungfern) gründen — ist einfach herrlich. Sie unterstützen sich gegenseitig, sind ehrlich zueinander und können sich auch eingestehen, wenn sie etwas falschgemacht haben. Nie hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Amber und Lottie nur als Freundinnen charakterisiert werden; stattdessen gibt Bourne ausnahmslos jedem Charakter in dem Buch einen wirklichen Charakter, mit eigenen Geschichten und entsprechenden Eigenheiten. Gerade beste Freundinnen werden so oft stereotypisiert — hier aber nicht, und allein das machte das Buch zu einem absoluten Lesevergnügen.
Bald häuften sich die positiven Aspekte: Ich schloss die Protagonistin Evie unglaublich ins Herz, liebte ihre enge Beziehung zu ihrer Schwester, allein schon der Schreibstil ist herrlich erfrischend. Holly Bourne bringt einen ganz besonderen Humor mit ein, wegen dem ich öfters lachend (oder zumindest grinsend) vor dem Buch saß.
"Everyone's on the cliff edge of normal. Everyone finds life an utter nightmare sometimes, and there's no 'normal' way of dealing with it." Sarah sighed. "There is no normal, Evelyn. There's only what's normal to you. You're chasing a ghost."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)
Mein Lieblingsaspekt — neben der Freundschaft und den feministischen Einflüssen — war aber ganz klar die Ausgestaltung von Mental Health. Evie kämpft seit Jahren mit einer OCD und einer generalisierten Angststörung. Ich kann nicht als Betroffene sprechen, hatte aber den Eindruck, dass Bourne sehr sorgfältig recherchiert hat und das Thema auch im Buch exzellent angeht. Vor allem wird hier, im Gegensatz zu anderen Büchern, nichts romantisiert. Wir erleben Evie an Höhepunkten, aber auch an (vielen) Tiefpunkten. Ihr Verhalten wird nicht beschönigt, hässliche Aspekte nicht ausgelassen. Vor allem wird ihre Therapie nicht nur angesprochen, sondern explizit im Buch thematisiert und nicht klischeehaft abgespeist. Auch im Nachhinein bin ich noch vollkommen begeistert von dieser akkuraten und ehrlichen Repräsentation.
Es gab nichts, das mich an Am I Normal Yet? wirklich gestört hat. Ich habe hauptsächlich einen kleineren Kritikpunkt anzubringen, das einzige Klischee, das sich überhaupt in dem Buch finden lässt: Im Laufe der Handlung gibt es drei Jungs, die mehr oder weniger plötzlich an Evie interessiert sind. (Zugegeben, nicht gleichzeitig, und keiner schwört ihr seine ewige Liebe, was einen Pluspunkt gibt.) Ich war einfach manchmal etwas überrumpelt in der Hinsicht, weil es mir etwas... unrealistisch erschien? Gleichzeitig muss ich zumindest Bournes Umgang damit loben. Denn wieder wird nichts romantisiert, und auch Lottie und Amber halten vor Evie nicht zurück, was sie davon halten.
"You find his arrogance and his alphaness sexy — because you've been conditioned into thinking that's how boys should be."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)
Tja, ich wünschte, ich hätte mit sechzehn Jahren so gedacht. Vor allem wünschte ich aber, dass solche Verhaltens- und Denkweisen in mehr Jugendbüchern herausgefordert werden würden.
Was soll ich sagen — ich habe es keine Sekunde bereut, Am I Normal Yet? spontan gekauft zu haben. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich das Buch verschlungen und allein schon die Tatsache, dass es zwei weitere Bände aus Ambers bzw. Lotties Sicht gibt, freut mich ungemein! Bourne hat ein unglaublich wichtiges Buch geschrieben, das nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie es verdient — das muss sich ändern!
Schließen möchte ich mit einer Aussage der Autorin:
"Feminism is for all genders. Feminism benefits all genders."
Amen.

Fazit
Am I Normal Yet? hat mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistern können. Holly Bourne porträtiert nicht nur eine authentische Mädchenfreundschaft, sondern spricht auch wichtige Themen wie Mental Health und Feminismus an. Von diesem Werk könnten sich viele andere Jugendbücher eine Scheibe abschneiden!


Am I Normal Yet? ⚬ 433 Seiten ⚬ Usborne Publishing ⚬ kann als Einzelband gelesen werden ⚬ 2,76€* (eBook) bzw. 8,99€* (Print)  

*Affiliate-Link im Rahmen des amazon Partnerprogramms. Wenn ihr über den Link etwas kauft, erhalte ich eine kleine Provision, für euch entstehen keine Mehrkosten.

Dienstag, 20. Juni 2017

[Rezension] The Distance from me to you — Marina Gessner


Inhalt
Kendra und ihre beste Freundin Courtney haben einen gemeinsamen Plan: In dem Sommer nach ihrem Schulabschluss wollen sie den 3500km langen Appalachian Trail bewältigen. Doch in der letzten Sekunde entscheidet sich Courtney, zu Hause zu bleiben.
Kendra will die Wanderung trotzdem durchziehen, und so startet sie alleine. Auf dem Trail trifft sie auf Sam, der vor seiner Vergangenheit fliehen will, und die beiden stürzen sich in eine Beziehung.

Meine Meinung
Vielleicht hätte ich es besser wissen müssen.
In letzter Zeit bin ich den "klassischen" Jugendbüchern à la Girl meets Boy aus dem Weg gegangen. Weil ich kein Fan von den Liebesgeschichten war, weil sie bestenfalls schlecht und schlimmstenfalls katastrophal dargestellt wurden. Dennoch entschloss ich mich, The Distance from me to you eine Chance zu geben. Denn die Idee eines Mädchens, das alleine eine 2000 Meilen lange Wanderung macht, hat mich einfach unglaublich fasziniert und ich war zumindest gespannt, wie die Autorin dieses Element ausgestalten würde.
Leider konnte mich das Buch nicht im Geringsten überzeugen, schlimmer noch: Es hat mich durchweg schockiert und wütend gemacht.
Schon in den ersten Kapiteln, noch bevor Sam überhaupt eingeführt wird, wird klar, dass hier viel schwarz-weiß gezeichnet wird. Courtney bleibt zu Hause wegen einem Jungen; obwohl sie als beste Freundin betitelt wird, hatte ich nicht das Gefühl, zwischen ihr und Kendra eine Freundschaft zu sehen.
Mit Brendan, Kendras Freund, ist es ähnlich. Er wird als "lieb, aufrichtig und ernst" beschrieben, außerdem will er im Herbst sein Studium aufnehmen. Da der Klappentext bereits Sam ankündigt, rechnete ich damit, dass Kendra und Brendan sich trennen würden. Genau das passierte auch: Als Kendra auf dem Trail unterwegs ist, erhält sich die Nachricht von Brendan, er wolle sich auf sein Studium konzentrieren und daher eine Beziehungspause. Aha. Das ist von seiner Seite schön blöd, aber Kendras Reaktion ist noch absurder. Sie trauert nicht, ist nicht wütend, verurteilt ihn höchstens für seine Prioritäten. Schließlich steckt er ja in seinen Plänen fest.
Grundsätzlich fiel es mir unglaublich schwer, eine emotionale Beziehung zu den Charakteren aufzubauen. Das liegt gar nicht einmal daran, dass Gessner in der dritten Person schreibt — vielmehr berichtet sie tatsächlich nicht von den Gefühlen der Charaktere. Sie reagieren kaum emotional, setzen sich nie mit ihren Handlungen auseinander... und das gilt für die Protagonisten! Die wenigen Nebencharaktere werden nur klischeehaft charakterisiert, sodass sie vollkommen blass bleiben.
Meine Meinung über Kendra schwankte regelmäßig, worauf ich später noch zurückkommen werde, aber aus ihr hätte man grundsätzlich etwas machen können. Was Sam anbetrifft... puh.
Eingeführt wird er als klassisches Loveinterest: Groß, gutaussehend, ein Mädchenmagnet. (Dass er seit Wochen auf dem Trail herumläuft und vermutlich nicht mehr frisch riecht, erwähnt niemand.) Er flirtet natürlich mit Kendra, die sich als bestenfalls unauffällig beschreibt, und da die beiden in dieselbe Richtung laufen, begegnen sie sich in der Folge immer wieder.
Anstatt die Chance auszunutzen und die beiden sich wirklich kennenlernen zu lassen, konstruiert die Autorin lediglich zufällige Treffen, von denen eins absurder als das andere ist. Sam erzählt nichts von sich selbst und seiner Vergangenheit, und wenn Kendra etwas sagt, dann verhöhnt er sie regelrecht dafür. Leute, ich habe so einiges gelesen, aber ich bin noch nie einem so verachtungsvollen Charakter begegnet. Sam ist unfähig, irgendetwas zu kommunizieren, und in der Folge dessen schlichtweg voreingenommen und verbittert:
Sam hatte ihr nichts davon gesagt, wie aufgewühlt und unruhig er war. Komisch, dass sie es nicht bemerkte. Er vergaß, dass er manchmal [...] schwer zu durchschauen war.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Nur, dass wir uns richtig verstehen. Sam macht Kendra für seine Unfähigkeit verantwortlich. Sie muss ihn verstehen. Ganz zu schweigen von verallgemeinernden, sexistischen Aussagen wie diesen:
Sie sah genauso aus, wie ein Mädchen aussehen sollte, süß, brav und anständig.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Unglaublich, wie reiche Mädchen ihr Geld verschwendeten, ganz abgesehen von ihrer Energie.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Da fehlen selbst mir die Worte, und ich dachte, ich hätte schon alles gelesen.
Das Ganze gipfelt in einem von zahlreichen Ausbrüchen Sams:
"Halt die Klappe", rief Sam endlich.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Es besteht einfach keinerlei Chemie zwischen den beiden, wie auch? Sie reden ja nicht miteinander. Sie wissen in der Konsequenz nichts voneinander und hören sich nicht zu. An irgendeinem Punkt entscheidet Kendra, sich vor ihm auszuziehen, was den Start der "Beziehung" der beiden markiert. Wow. Super romantisch. Ich glaube, ich hätte das sogar noch hingenommen, aber das, was ich oben zitiert habe, markiert keine schlecht geschriebene, sondern eine schlichtweg toxische Beziehung. (Sam bringt sie im Laufe des Buches auch noch dazu, sehr viele, sehr blöde Dinge zu machen.) Was für ein Bild wird da jüngeren Lesern vermittelt?
Dieses Verhalten färbt natürlich auch auf Kendra ab:
Die ganzen Bücherstapel zu Hause, das viele Lernen, die ganzen guten Noten, und trotzdem wusste sie nicht, wie man es anstellte: die simpelste, grundlegendste Sache der Welt, nämlich einen Jungen dazu zu bringen, sie zu küssen.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Das Problem habe ich schon öfters bei Jugendbüchern beobachtet. Gerade, wenn das Mädchen einen Hintergrund aus einer intakten bzw. wohlhabenden Familie und guten Noten hat, wird das oft als etwas Schlechtes dargestellt? Als ob man sie dafür verurteilen müsste. Als ob sie das zu einem Langweiler oder einem weniger guten Menschen machen würde. Wieder gibt es nur schwarz oder weiß. Verdammt schade. Es ist nichts Falsches daran, aus seiner Komfortzone auszubrechen. Aber auch hier animiert Sam Kendra zu Dingen, auf die sie niemals eigenständig gekommen wäre, und wodurch sie unverantwortliche Entscheidungen trifft, mit denen sie sich selbst in Gefahr bringt. Und das nur, um mit ihren "langweiligen" Regeln zu brechen? Um begehrenswert für diesen Jungen zu sein?
Was Sam anbetrifft, kann ich nichts Revidierendes sagen. Seine Vergangenheit rechtfertigt nicht im Geringsten sein Verhalten.
Kendra... Kendra hätte eine ziemlich gute Protagonistin werden können. Es gibt vereinzelte Augenblicke im Buch, in denen man einen ganz anderen Blick auf sie erhaschen kann. Allein schon die Tatsache, dass sie sich vornimmt, die Wanderung alleine durchzuziehen, fand ich unglaublich bewundernswert! Leider geht die Kendra des Anfangs (wenn auch sie Vorurteile hegt und undankbar wirkt) im Mittelteil verloren. Der Wanderaspekt geht mit Sams Auftauchen den Bach herunter, rückt schlichtweg in den Hintergrund und verliert sich stellenweise komplett. Da wäre so viel mehr gegangen!
Am Ende des Buches gelang es Gessner zumindest, einen Hoffnungsschimmer zu erwecken (nicht nur, weil es vorbei war). Ich werde nichts spoilern, aber meiner Meinung nach hat sie mit dem Ausgang die bestmöglichste Entscheidung getroffen; noch dazu sieht auch Kendra bis zu einem gewissen Grad ein, was für gefährliche Entscheidungen sie getroffen hat.
Aber, wie bereits gesagt, nichts kann über diesen katastrophalen männlichen Protagonisten hinwegretten. Wieder einmal ist es schockierend, was man in Jugendbüchern vorfinden kann, was von vielen als schlichtweg "normal" gelesen wird. Da bildet The Distance from me to you keine Ausnahme.

Fazit
The Distance from me to you hätte ein außergewöhnliches Jugendbuch sein können, kann aber in seiner Umsetzung nicht überzeugen. Gerade die beschriebene Liebesgeschichte ist nicht nur unrealistisch und wenig romantisch, sondern geradezu toxisch. Da geht noch einiges!


Vielen Dank an bloomoon und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

The Distance from me to you ⚬ übersetzt von Katrin Behringer 336 Seiten ⚬ bloomoon ⚬ Einzelband 12,99€ (eBook) bzw. 14,99€ (Print)

Samstag, 3. Juni 2017

[Rezension] One of Us Is Lying — Karen M. McManus


Inhalt
Bronwyn, Nate, Addy, Cooper und Simon finden sich — wenn es nach ihnen geht, zu Unrecht — beim Nachsitzen ein. Simon ist fünfzehn Minuten später tot. Während die Todesursache bald festgestellt werden kann, ist die Frage, wer es getan hat, eine, die unlösbar scheint. Waren die vier Mitschüler nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Hat es womöglich einer von ihnen getan oder — wie die Polizei behauptet — vielleicht sogar alle zusammen?
Eines ist sicher: Jeder von ihnen trägt ein Geheimnis mit sich herum, eines dunkler als das andere. Und wie es so mit Geheimnissen ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ans Licht kommen...

Meine Meinung
Auf One of Us Is Lying habe ich mich schon seit Monaten gefreut; dass der örtliche Thalia es schon Tage vor dem Erscheinen vorrätig hatte, wertete ich noch als zusätzliches Zeichen. Ich weiß gar nicht mehr, was mich so sehr an dem Buch fasziniert hat; vermutlich hatte ich einfach mal wieder Lust auf einen "guten alten" Contemporary. Genau das — und vielleicht noch ein bisschen mehr — sollte ich bekommen.
Zuallererst finde ich es beeindruckend, wie gut es McManus gelingt, die Geschichten der vier Jugendlichen (Simon bekommt logischerweise keine Perspektive) zu erzählen. Obwohl das Buch keine vierhundert Seiten hat, hatte ich nie das Gefühl, dass irgendjemand zu viel oder zu wenig zu Wort kam. Zugegeben habe ich nicht alle von ihnen von anfangs an gemocht, — gerade mit Addy hatte ich meine Probleme — aber als ich das Buch zuschlug, war ich schon ein wenig traurig, sie alle gehen zu sehen.
Das Ding ist, sie werden im Klappentext der Geschichte als Stereotype beschrieben: Bronwyn ist die Streberin, Nate der Drogendealer, Addy das folgsame Hündchen ihres Freundes, Cooper ist der perfekte Schönling, dem die Sportstipendien förmlich zufliegen. Dabei macht die Autorin so viel mehr aus ihnen, verpasst ihnen Familien, Hobbys, Freunde und schafft es noch irgendwie, das alles ins Buch zu packen, ohne dass irgendwo Längen entstehen. Grundsätzlich finde ich klasse, welche Rolle Familie in One of Us Is Lying einnimmt. Nein, es werden nicht harmonische Familien präsentiert — aber wenigstens werden die Eltern und Geschwister erwähnt und tauchen tatsächlich auf, anstatt immer "zufällig" außer Haus zu sein. Gerade Addys und Bronwyns Schwestern sind ziemlich präsent, was ich klasse finde.
Man könnte argumentieren, dass dadurch das Mysterium rund um Simons Tod in den Hintergrund rückt — wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, ist das definitiv bis zu einem gewissen Grad der Fall. Das Ding ist, dass mich das überhaupt nicht gestört hat. Ich hätte über die Charaktere einfach so lesen können und das Buch trotzdem noch genossen, obwohl dieser Kriminalaspekt dem Ganzen einen zusätzlichen Kick gegeben hat. Es ist durchaus gut gemacht — mit genau der richtigen Prise Überraschungen, dass ich das Buch nur noch mit Mühe weglegen konnte.
Zugegeben, ich habe ausnahmsweise tatsächlich erraten, wer Simon umgebracht hat. Ich hatte zumindest von Anfang an eine Vermutung, die sich bewahrheitete, und somit hatte ich nicht den "großen Knall" am Ende des Buches, was für mich okay war und zumindest meinem Lesegenuss keinen Abbruch tat.
Was ich allerdings kritisieren muss, — ohne zu sehr zu spoilern, daher keine Namen — ist ganz speziell das Ende zweier Charaktere. In den letzten Augenblicken wurde noch (unnötiges) Drama hineingebracht, weswegen besagte Charaktere nicht das Happy End bekommen konnten, was ich mir für sie gewünscht hätte (sie waren/sind meine Favoriten). Das ist ein klitzekleiner Wermutstropfen, denn im Großen und Ganzen hat mich One of Us Is Lying nicht nur überzeugt, sondern in erster Linie überrascht. Ja, die Idee ist nicht neu; manch andere würden sie vielleicht sogar als "ausgelutscht" bezeichnen. Aber mit authentischen Charakteren verleiht Karen M. McManus der Geschichte einen ganz besonderen Twist, weshalb ich letztendlich froh bin, ihr Debüt gelesen zu haben.

Fazit
One of Us Is Lying ist ein tolles Debüt. Karen McManus nimmt eine allseits bekannte Idee und macht ihr eigenes Ding daraus — besonders die Charaktere haben mich beeindruckt, aber auch das Mysterium rund um Simons Tod beinhaltet einige (böse) Überraschungen. Von mir gibt's eine ganz klare Empfehlung für alle, die Lust auf ein Contemporary mit authentischen Charakteren haben!


One of Us Is Lying ⚬ Taschenbuch: 368 Seiten ⚬ Delacorte Press ⚬ Einzelband ca. 7,99€

Samstag, 27. Mai 2017

[Rezension] Giants: Zorn der Götter - Sylvain Neuvel

Da es sich hierbei um einen zweiten Band handelt, kann die Rezension Spoiler enthalten!


Inhalt
Zehn Jahre sind vergangen, seitdem Dr. Rose Franklin und ihr Team die wahnwitzige Aufgabe auf sich nahmen, den Roboter Themis zusammenzubauen. Doch noch immer haben sie mehr Fragen als Antworten, und ihnen läuft die Zeit davon, als ein weiterer Roboter in London auftaucht. Schon bald müssen sie realisieren, dass dies nur der Anfang ist — und dass ihnen die größte Herausforderung erst noch bevorsteht, die die ganze Menschheit bedroht.

Meine Meinung
Giants: Sie sind erwacht war eines meiner Jahreshighlights 2016. Ihr könnt gar nicht glauben, wie sehr ich mich auf die Fortsetzung gefreut habe — und so viel kann ich sagen, ich bin wieder einmal begeistert!
Das System ist dasselbe wie schon beim ersten Band: Die Geschichte wird auf ihre ganz besondere Art und Weise durch Interviews und gegebenenfalls Berichte erzählt. Im Zentrum steht wieder der mysteriöse Interviewer (über den wir in diesem Band tatsächlich mehr erfahren!), der die Fäden in den Händen zu halten scheint.
Obwohl zwischen den Ereignissen in beiden Büchern zehn Jahre verstrichen sind, wurde man als Leser erstaunlich schnell und mühelos in die zwischenzeitlichen Geschehnisse eingeführt. In Giants: Zorn der Götter gibt es sogar einen weiteren Zeitsprung, und auch dieser gelingt Sylvain Neuvel mühelos.
Auch die Thematik bleibt spannend, Neuvel kreiert ein weiteres Mal Science Fiction vom Feinsten: In dem Buch finden sich Aspekte der Physik, Linguistik, Politik und verstärkt der Biologie — all das Komplexe wieder so heruntergebrochen, dass selbst Fachfremde kein Problem haben, sich zurechtzufinden. Im Gegenteil: Man ist wieder und wieder aufs Neue fasziniert, was der Autor geschaffen hat. Es wirkt so real, dass mir die Idee, dass es in dem Buch eigentlich um eine Alien-Invasion gibt, stellenweise fast schon absurd vorkam! An dieser Stelle liegt auch mein einziger, kleiner Kritikpunkt: Der Grund hinter der Invasion war mir letztendlich fast schon zu banal. Ich hatte nach all den Geschehnissen irgendetwas Größeres, Wirkgewaltigeres erwartet — aber vielleicht muss ich das Ganze auch erst sacken lassen.
Wo ich schon von Geschehnissen spreche — meine Güte. Ich dachte, Giants: Sie sind erwacht hätte mich an die Grenzen meiner Nerven gebracht. Aber das war noch gar nichts gegen diesen Band. Ich habe die zweite Hälfte des Buches in einem Rutsch durchgelesen, was mir wirklich schon ewig nicht mehr passiert ist; es war mir einfach unmöglich, es wegzulegen. Grundsätzlich ist der Plot einfach so viel größer angelegt, als ich jemals erwartet hätte. Vom Syndrom eines schlechten zweiten Bandes keine Spur, im Gegenteil — Neuvel legte immer noch einmal eine Schippe drauf, wenn ich es für unmöglich glaubte.
Ich kann auch nicht genug betonen, wie sehr mir die Charaktere ans Herz gewachsen ist — allen voran Kara und Vincent, aber auch Rose und selbst den mysteriösen Interviewer habe ich lieb gewonnen. Ich bin wieder einmal beeindruckt, wie viel nur über Dialog bzw. Interviews übermittelt werden kann. Und meine Güte, haben sie mich in Existenzkrisen gestürzt. Ich habe einen Großteil des Buches auf einer Busfahrt gelesen, und ich habe unverschämt oft aus dem Fenster geblinzelt, weil mir die Tränen kamen.
Also, ja, ich bin aufs Neue begeistert. Eigentlich noch mehr als zuvor. Giants: Zorn der Götter ist mehr eine würdige Fortsetzung, die ich nur auf hohem Niveau kritisieren kann. Ansonsten beweist Neuvel erneut, wie gut er nicht nur schreiben, sondern auch diese verschiedenen Themenbereiche miteinander verflechten kann. Von mir gibt's eine ganz klare Empfehlung. Und alle, die die Reihe noch nicht begonnen haben, sollten das definitiv nachholen!

Fazit
Giants: Zorn der Götter steht seinem Vorgänger in nichts nach. Wieder beweist Neuvel, dass er nicht nur authentische Charaktere schreiben, sondern auch seinen Plot größer und größer konstruieren kann, ohne sich in komplizierten Erklärungen zu verstricken. Er macht Science Fiction zugänglich, und er macht es verdammt gut — ich bin begeistert!


Giants: Zorn der Götter ⚬ übersetzt von Marcel Häußler ⚬ Taschenbuch: 480 Seiten ⚬ Band 2 14,99€

Vielen Dank an Heyne für das Rezensionsexemplar!

Mittwoch, 24. Mai 2017

[Rezension] Der Schwarze Thron — Die Schwestern - Kendare Blake


Inhalt
Die Drillinge Katharine, Mirabella und Arsinoe sind mit verschiedenen magischen Talenten geboren worden — und sie alle sind Anwärterinnen auf den Thron. Wenn sie ein bestimmtes Alter erreichen, beginnt ein Kampf um Leben und Tod. Denn nur eine kann Königin werden...

Meine Meinung
Der Schwarze Thron  Die Schwestern ist eines dieser Bücher, das seit einer Ewigkeit auf meiner Wunschliste stand, ich mir aber — aus welchem Grund auch immer — nie zulegte. Deshalb habe ich mich umso mehr darüber gefreut, das Buch vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt zu kriegen. Vielen Dank an der Stelle noch mal dafür!
Die Idee klingt vielversprechend: Ein Drillingspaar, das sich auf den Tod bekämpfen muss. Eine Welt mit verschiedenen magischen Elementen, und vor allem vielen Leuten hinter den Kulissen, die versuchen, die Fäden nach ihren Vorstellungen zu ziehen. Leider konnte mich die tatsächliche Umsetzung weniger überzeugen.
Eines muss man Kendare Blake lassen: Ihr Schreibstil hat mich unglaublich fasziniert. Sie schreibt in der dritten Person Präsens, beschränkt sich nicht auf die Sicht der Drillinge, sondern schlüpft auch in die Perspektive zahlreicher Nebenfiguren. Dabei gelingt es ihr, nahtlos von einer Sicht in die andere überzugehen, manchmal auch inmitten einer Szene — fand ich sehr cool. Andererseits fürchte ich auch, dass der Schreibstil für dieses Buch vielleicht ungeeignet war; ich hatte oft das Gefühl, dass die Stimme von jedem Charakter dieselbe war und dass ich sie maximal durch ihre Namen unterscheiden konnte. Außerdem wirkt der Stil oft sehr nüchtern, fast schon kindlich; dass das Buch ein paar... brutalere Momente hat, bildet dazu einen ziemlich krassen Kontrast, der mir persönlich negativ aufgefallen ist.
Grundsätzlich hat Blake in mir einen Interessenskonflikt ausgelöst: Ich war überwältigt und unterwältigt zugleich. Einerseits bekommt man praktisch drei Bücher, schließlich wird die Geschichte von jeder Anwärterin erzählt, die in ihrer eigenen Nische mit eigenen Freunden/Ziehfamilien/politischen Machtpolen lebt. Das bedeutet verdammt viele Namen, die ich bis zum Ende des Buches ehrlich gesagt nicht auf die Reihe gekriegt habe. Gleichzeitig... gleichzeitig passiert einfach nichts. Alle drei Geschichten treten mehr oder weniger auf der Stelle, ein paar wenige Ausnahmen gegen Ende der Geschichte. Auf mich wirkte alles so... sinnlos. Als würde man bloß ein Ende herauszögern, die Reihe so weit wie möglich in die Länge strecken. Das war ziemlich frustrierend.
Auch in anderen Aspekten hätte so viel mehr passieren können — allen voran der Weltenbau, aber auch das politische Element des Romans war zweidimensional. Die Motivationen der einzelnen Charaktere sind schwach oder mir unergründlich, und die Magie und das ganze Warum bleiben auch sehr vage. Überhaupt weiß ich nicht, was ich von der Einteilung in Giftmischer (Katharine), Elementwandler (Mirabella) und Naturbegabte (Arsinoe) halten soll. Gerade die letzten beiden überschneiden sich irgendwie?
Seltsam fand ich auch, dass sie als Bewohner der Insel Fennbirn eine unglaublich stereotype und vorurteilige Auffassung von den Landbewohnern hatten, die nicht genauer erklärt wurde und auf mich einfach einseitig und voreingenommen wirkte.
Aber Arsinoe war eine Königin. Die Insel würde sie niemals gehen lassen.
(Der Schwarze Thron — Die Schwestern, Kendare Blake, Penhaligon)
Was mich jedoch am meisten frustrierte, waren die durchweg sinn- und zwecklosen Liebesbeziehungen. Ja, Plural. Leider. Zuallererst musste jede der (fünfzehnjährigen!) Anwärterinnen mindestens einen Typen zugeordnet kriegen. Meistens kennen sie sich genau fünf Minuten, bis sie bereits übereinander herfallen. Katharine, zum Beispiel, wird gelehrt, wie sie richtig küssen soll. Äh, ja. Grundsätzlich wird andauernd von irgendwelchen Freiern geredet, die sich dann auf die Königin stürzen wollen, die am ehesten den Kampf gewinnt. Als ob das bisher Beschriebene nicht schon schlimm genug wäre, wird das Ganze von einer Betrugsgeschichte getoppt.

Spoiler
Und zwar geht es dabei um Arsinoes beste Freundin, Jules, die in einer Beziehung mit Joseph ist. Joseph aber betrügt sie zweimal (!) mit Mirabella, OHNE GRUND, und sein Verhalten wird NICHT angeprangert. Jules ist einmal traurig, beim zweiten Mal schon fast resigniert. Joseph hingegen knutscht und schläft sich weiter durch die Weltgeschichte. Hä? Was genau sollte das? Ich versteh's nicht. Auf keiner der beteiligten Seiten. Aber toll, was damit dem jüngeren Publikum vermittelt wird.

Ich habe nicht genau darauf geachtet, aber meines Eindrucks nach ist die Gesellschaft Fennbirns darüber hinaus stark heteronormativ und, tja, weiß. Der einzige Junge (einer der Freier), der mit dunkler Haut beschrieben wird, wird ein paar Seiten später als flüchtend umschrieben und quasi als Feigling bezeichnet.
Ja, ich habe das Lesen des Buches nicht gehasst. Zumindest anfangs nicht. Der Schreibstil ist wirklich okay, und er ermöglicht es, das Buch zügig durchzukriegen. Katharine habe ich irgendwie ins Herz geschlossen, und ginge es nur um sie, würde ich die Reihe vielleicht sogar weiterverfolgen. In den letzten Zügen des Buches gibt es sogar ein paar wirklich überraschende Plottwists, aber das genügt leider auch nicht, um meinen Glauben in die Geschichte wiederherzustellen. Wie gesagt, die Idee ist toll, aber die Umsetzung ist flach und bisweilen katastrophal. Der Schwarze Thron Die Schwestern macht zahlreiche Versprechen, kann aber keins davon halten.

Fazit
Der Schwarze Thron Die Schwestern hat eine grandiose Prämisse, die in ihrer Umsetzung leider in den Sand gesetzt wurde. Die Charaktere sind flach und untereinander austauschbar, es gibt zu viele unrealistische Liebeleien und zu wenig Politik und Plot, und der Weltenbau ist auch dürftig. Von meiner Seite gibt es keine Empfehlung.


Der Schwarze Thron Die Schwestern ⚬ übersetzt von Charlotte Lungstrass-Kapfer ⚬ Klappenbroschur: 448 Seiten ⚬ Band 1 14,99€

Vielen Dank an Penhaligon für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!