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Samstag, 24. Juni 2017

[Rezension] Am I Normal Yet? — Holly Bourne


Inhalt
Evie will nur normal sein. Immerhin wurde die Dosis ihrer Medikamente verringert, und dass sie ein Date hat, muss bedeuten, dass es aufwärts geht, nicht wahr? Doch dann wird das Date nicht nur zu einem Albtraum, auch das Gefühlsdrama lässt Evie befürchten, wieder in alte Muster zurückzufallen. Das einzig Gute: Auf der Party, auf welcher ihr Date den Bach runterging, hat sie Amber und Lottie kennengelernt, mit denen sie sich ziemlich schnell anfreundet. Doch wie kann sie sich helfen lassen, wenn ihre Freunde nicht über ihre Krankheit Bescheid wissen?

Meine Meinung
Ich habe Am I Normal Yet? aus einer reinen Laune heraus gekauft. Das eBook war günstig, es klang nach einem etwas anderen Jugendbuch, und die Bewertungen bei Goodreads waren überraschend gut. Holly Bourne hat bereits ziemlich viele Bücher veröffentlicht, und ich bin fest entschlossen, in der Zukunft noch mehr von ihr zu lesen!
Aber zurück zum Anfang: Am I Normal Yet? hat schon eine ganz besondere Prämisse. Wir haben ein Jugendbuch, das sich auf Thematiken konzentriert, die in anderen Büchern oft untergehen oder gar nicht erst erwähnt werden: Freundschaft, Mental Health und Feminismus. Allein schon den Versuch zu unternehmen, das in ein Buch zu packen, finde ich bewundernswert — hinzu kommt, dass Holly Bourne verdammt gute Arbeit geleistet hat.
"When boys get older, if they don't find someone they get called bachelors. We get called spinsters. There isn't a word that means male spinster. Just like there isn't a word for a guy who sleeps around — whereas there are TONS for girls. The Englisch language itself is sexist — it reinforces those overgeneralized, screwed-up notions about how boys and girls are allowed to be..."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)
Die Freundschaft der drei Mädchen — die später den Spinster Club (dt. Club der alten Jungfern) gründen — ist einfach herrlich. Sie unterstützen sich gegenseitig, sind ehrlich zueinander und können sich auch eingestehen, wenn sie etwas falschgemacht haben. Nie hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass Amber und Lottie nur als Freundinnen charakterisiert werden; stattdessen gibt Bourne ausnahmslos jedem Charakter in dem Buch einen wirklichen Charakter, mit eigenen Geschichten und entsprechenden Eigenheiten. Gerade beste Freundinnen werden so oft stereotypisiert — hier aber nicht, und allein das machte das Buch zu einem absoluten Lesevergnügen.
Bald häuften sich die positiven Aspekte: Ich schloss die Protagonistin Evie unglaublich ins Herz, liebte ihre enge Beziehung zu ihrer Schwester, allein schon der Schreibstil ist herrlich erfrischend. Holly Bourne bringt einen ganz besonderen Humor mit ein, wegen dem ich öfters lachend (oder zumindest grinsend) vor dem Buch saß.
"Everyone's on the cliff edge of normal. Everyone finds life an utter nightmare sometimes, and there's no 'normal' way of dealing with it." Sarah sighed. "There is no normal, Evelyn. There's only what's normal to you. You're chasing a ghost."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)
Mein Lieblingsaspekt — neben der Freundschaft und den feministischen Einflüssen — war aber ganz klar die Ausgestaltung von Mental Health. Evie kämpft seit Jahren mit einer OCD und einer generalisierten Angststörung. Ich kann nicht als Betroffene sprechen, hatte aber den Eindruck, dass Bourne sehr sorgfältig recherchiert hat und das Thema auch im Buch exzellent angeht. Vor allem wird hier, im Gegensatz zu anderen Büchern, nichts romantisiert. Wir erleben Evie an Höhepunkten, aber auch an (vielen) Tiefpunkten. Ihr Verhalten wird nicht beschönigt, hässliche Aspekte nicht ausgelassen. Vor allem wird ihre Therapie nicht nur angesprochen, sondern explizit im Buch thematisiert und nicht klischeehaft abgespeist. Auch im Nachhinein bin ich noch vollkommen begeistert von dieser akkuraten und ehrlichen Repräsentation.
Es gab nichts, das mich an Am I Normal Yet? wirklich gestört hat. Ich habe hauptsächlich einen kleineren Kritikpunkt anzubringen, das einzige Klischee, das sich überhaupt in dem Buch finden lässt: Im Laufe der Handlung gibt es drei Jungs, die mehr oder weniger plötzlich an Evie interessiert sind. (Zugegeben, nicht gleichzeitig, und keiner schwört ihr seine ewige Liebe, was einen Pluspunkt gibt.) Ich war einfach manchmal etwas überrumpelt in der Hinsicht, weil es mir etwas... unrealistisch erschien? Gleichzeitig muss ich zumindest Bournes Umgang damit loben. Denn wieder wird nichts romantisiert, und auch Lottie und Amber halten vor Evie nicht zurück, was sie davon halten.
"You find his arrogance and his alphaness sexy — because you've been conditioned into thinking that's how boys should be."
(Holly Bourne, Am I Normal Yet?)
Tja, ich wünschte, ich hätte mit sechzehn Jahren so gedacht. Vor allem wünschte ich aber, dass solche Verhaltens- und Denkweisen in mehr Jugendbüchern herausgefordert werden würden.
Was soll ich sagen — ich habe es keine Sekunde bereut, Am I Normal Yet? spontan gekauft zu haben. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich das Buch verschlungen und allein schon die Tatsache, dass es zwei weitere Bände aus Ambers bzw. Lotties Sicht gibt, freut mich ungemein! Bourne hat ein unglaublich wichtiges Buch geschrieben, das nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit bekommt, wie es verdient — das muss sich ändern!
Schließen möchte ich mit einer Aussage der Autorin:
"Feminism is for all genders. Feminism benefits all genders."
Amen.

Fazit
Am I Normal Yet? hat mich von der ersten bis zur letzten Seite begeistern können. Holly Bourne porträtiert nicht nur eine authentische Mädchenfreundschaft, sondern spricht auch wichtige Themen wie Mental Health und Feminismus an. Von diesem Werk könnten sich viele andere Jugendbücher eine Scheibe abschneiden!


Am I Normal Yet? ⚬ 433 Seiten ⚬ Usborne Publishing ⚬ kann als Einzelband gelesen werden ⚬ 2,76€* (eBook) bzw. 8,99€* (Print)  

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Dienstag, 20. Juni 2017

[Rezension] The Distance from me to you — Marina Gessner


Inhalt
Kendra und ihre beste Freundin Courtney haben einen gemeinsamen Plan: In dem Sommer nach ihrem Schulabschluss wollen sie den 3500km langen Appalachian Trail bewältigen. Doch in der letzten Sekunde entscheidet sich Courtney, zu Hause zu bleiben.
Kendra will die Wanderung trotzdem durchziehen, und so startet sie alleine. Auf dem Trail trifft sie auf Sam, der vor seiner Vergangenheit fliehen will, und die beiden stürzen sich in eine Beziehung.

Meine Meinung
Vielleicht hätte ich es besser wissen müssen.
In letzter Zeit bin ich den "klassischen" Jugendbüchern à la Girl meets Boy aus dem Weg gegangen. Weil ich kein Fan von den Liebesgeschichten war, weil sie bestenfalls schlecht und schlimmstenfalls katastrophal dargestellt wurden. Dennoch entschloss ich mich, The Distance from me to you eine Chance zu geben. Denn die Idee eines Mädchens, das alleine eine 2000 Meilen lange Wanderung macht, hat mich einfach unglaublich fasziniert und ich war zumindest gespannt, wie die Autorin dieses Element ausgestalten würde.
Leider konnte mich das Buch nicht im Geringsten überzeugen, schlimmer noch: Es hat mich durchweg schockiert und wütend gemacht.
Schon in den ersten Kapiteln, noch bevor Sam überhaupt eingeführt wird, wird klar, dass hier viel schwarz-weiß gezeichnet wird. Courtney bleibt zu Hause wegen einem Jungen; obwohl sie als beste Freundin betitelt wird, hatte ich nicht das Gefühl, zwischen ihr und Kendra eine Freundschaft zu sehen.
Mit Brendan, Kendras Freund, ist es ähnlich. Er wird als "lieb, aufrichtig und ernst" beschrieben, außerdem will er im Herbst sein Studium aufnehmen. Da der Klappentext bereits Sam ankündigt, rechnete ich damit, dass Kendra und Brendan sich trennen würden. Genau das passierte auch: Als Kendra auf dem Trail unterwegs ist, erhält sich die Nachricht von Brendan, er wolle sich auf sein Studium konzentrieren und daher eine Beziehungspause. Aha. Das ist von seiner Seite schön blöd, aber Kendras Reaktion ist noch absurder. Sie trauert nicht, ist nicht wütend, verurteilt ihn höchstens für seine Prioritäten. Schließlich steckt er ja in seinen Plänen fest.
Grundsätzlich fiel es mir unglaublich schwer, eine emotionale Beziehung zu den Charakteren aufzubauen. Das liegt gar nicht einmal daran, dass Gessner in der dritten Person schreibt — vielmehr berichtet sie tatsächlich nicht von den Gefühlen der Charaktere. Sie reagieren kaum emotional, setzen sich nie mit ihren Handlungen auseinander... und das gilt für die Protagonisten! Die wenigen Nebencharaktere werden nur klischeehaft charakterisiert, sodass sie vollkommen blass bleiben.
Meine Meinung über Kendra schwankte regelmäßig, worauf ich später noch zurückkommen werde, aber aus ihr hätte man grundsätzlich etwas machen können. Was Sam anbetrifft... puh.
Eingeführt wird er als klassisches Loveinterest: Groß, gutaussehend, ein Mädchenmagnet. (Dass er seit Wochen auf dem Trail herumläuft und vermutlich nicht mehr frisch riecht, erwähnt niemand.) Er flirtet natürlich mit Kendra, die sich als bestenfalls unauffällig beschreibt, und da die beiden in dieselbe Richtung laufen, begegnen sie sich in der Folge immer wieder.
Anstatt die Chance auszunutzen und die beiden sich wirklich kennenlernen zu lassen, konstruiert die Autorin lediglich zufällige Treffen, von denen eins absurder als das andere ist. Sam erzählt nichts von sich selbst und seiner Vergangenheit, und wenn Kendra etwas sagt, dann verhöhnt er sie regelrecht dafür. Leute, ich habe so einiges gelesen, aber ich bin noch nie einem so verachtungsvollen Charakter begegnet. Sam ist unfähig, irgendetwas zu kommunizieren, und in der Folge dessen schlichtweg voreingenommen und verbittert:
Sam hatte ihr nichts davon gesagt, wie aufgewühlt und unruhig er war. Komisch, dass sie es nicht bemerkte. Er vergaß, dass er manchmal [...] schwer zu durchschauen war.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Nur, dass wir uns richtig verstehen. Sam macht Kendra für seine Unfähigkeit verantwortlich. Sie muss ihn verstehen. Ganz zu schweigen von verallgemeinernden, sexistischen Aussagen wie diesen:
Sie sah genauso aus, wie ein Mädchen aussehen sollte, süß, brav und anständig.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Unglaublich, wie reiche Mädchen ihr Geld verschwendeten, ganz abgesehen von ihrer Energie.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Da fehlen selbst mir die Worte, und ich dachte, ich hätte schon alles gelesen.
Das Ganze gipfelt in einem von zahlreichen Ausbrüchen Sams:
"Halt die Klappe", rief Sam endlich.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Es besteht einfach keinerlei Chemie zwischen den beiden, wie auch? Sie reden ja nicht miteinander. Sie wissen in der Konsequenz nichts voneinander und hören sich nicht zu. An irgendeinem Punkt entscheidet Kendra, sich vor ihm auszuziehen, was den Start der "Beziehung" der beiden markiert. Wow. Super romantisch. Ich glaube, ich hätte das sogar noch hingenommen, aber das, was ich oben zitiert habe, markiert keine schlecht geschriebene, sondern eine schlichtweg toxische Beziehung. (Sam bringt sie im Laufe des Buches auch noch dazu, sehr viele, sehr blöde Dinge zu machen.) Was für ein Bild wird da jüngeren Lesern vermittelt?
Dieses Verhalten färbt natürlich auch auf Kendra ab:
Die ganzen Bücherstapel zu Hause, das viele Lernen, die ganzen guten Noten, und trotzdem wusste sie nicht, wie man es anstellte: die simpelste, grundlegendste Sache der Welt, nämlich einen Jungen dazu zu bringen, sie zu küssen.
(The Distance from me to you, Marina Gessner, bloomoon)
Das Problem habe ich schon öfters bei Jugendbüchern beobachtet. Gerade, wenn das Mädchen einen Hintergrund aus einer intakten bzw. wohlhabenden Familie und guten Noten hat, wird das oft als etwas Schlechtes dargestellt? Als ob man sie dafür verurteilen müsste. Als ob sie das zu einem Langweiler oder einem weniger guten Menschen machen würde. Wieder gibt es nur schwarz oder weiß. Verdammt schade. Es ist nichts Falsches daran, aus seiner Komfortzone auszubrechen. Aber auch hier animiert Sam Kendra zu Dingen, auf die sie niemals eigenständig gekommen wäre, und wodurch sie unverantwortliche Entscheidungen trifft, mit denen sie sich selbst in Gefahr bringt. Und das nur, um mit ihren "langweiligen" Regeln zu brechen? Um begehrenswert für diesen Jungen zu sein?
Was Sam anbetrifft, kann ich nichts Revidierendes sagen. Seine Vergangenheit rechtfertigt nicht im Geringsten sein Verhalten.
Kendra... Kendra hätte eine ziemlich gute Protagonistin werden können. Es gibt vereinzelte Augenblicke im Buch, in denen man einen ganz anderen Blick auf sie erhaschen kann. Allein schon die Tatsache, dass sie sich vornimmt, die Wanderung alleine durchzuziehen, fand ich unglaublich bewundernswert! Leider geht die Kendra des Anfangs (wenn auch sie Vorurteile hegt und undankbar wirkt) im Mittelteil verloren. Der Wanderaspekt geht mit Sams Auftauchen den Bach herunter, rückt schlichtweg in den Hintergrund und verliert sich stellenweise komplett. Da wäre so viel mehr gegangen!
Am Ende des Buches gelang es Gessner zumindest, einen Hoffnungsschimmer zu erwecken (nicht nur, weil es vorbei war). Ich werde nichts spoilern, aber meiner Meinung nach hat sie mit dem Ausgang die bestmöglichste Entscheidung getroffen; noch dazu sieht auch Kendra bis zu einem gewissen Grad ein, was für gefährliche Entscheidungen sie getroffen hat.
Aber, wie bereits gesagt, nichts kann über diesen katastrophalen männlichen Protagonisten hinwegretten. Wieder einmal ist es schockierend, was man in Jugendbüchern vorfinden kann, was von vielen als schlichtweg "normal" gelesen wird. Da bildet The Distance from me to you keine Ausnahme.

Fazit
The Distance from me to you hätte ein außergewöhnliches Jugendbuch sein können, kann aber in seiner Umsetzung nicht überzeugen. Gerade die beschriebene Liebesgeschichte ist nicht nur unrealistisch und wenig romantisch, sondern geradezu toxisch. Da geht noch einiges!


Vielen Dank an bloomoon und Netgalley für das Rezensionsexemplar!

The Distance from me to you ⚬ übersetzt von Katrin Behringer 336 Seiten ⚬ bloomoon ⚬ Einzelband 12,99€ (eBook) bzw. 14,99€ (Print)

Samstag, 3. Juni 2017

[Rezension] One of Us Is Lying — Karen M. McManus


Inhalt
Bronwyn, Nate, Addy, Cooper und Simon finden sich — wenn es nach ihnen geht, zu Unrecht — beim Nachsitzen ein. Simon ist fünfzehn Minuten später tot. Während die Todesursache bald festgestellt werden kann, ist die Frage, wer es getan hat, eine, die unlösbar scheint. Waren die vier Mitschüler nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Hat es womöglich einer von ihnen getan oder — wie die Polizei behauptet — vielleicht sogar alle zusammen?
Eines ist sicher: Jeder von ihnen trägt ein Geheimnis mit sich herum, eines dunkler als das andere. Und wie es so mit Geheimnissen ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ans Licht kommen...

Meine Meinung
Auf One of Us Is Lying habe ich mich schon seit Monaten gefreut; dass der örtliche Thalia es schon Tage vor dem Erscheinen vorrätig hatte, wertete ich noch als zusätzliches Zeichen. Ich weiß gar nicht mehr, was mich so sehr an dem Buch fasziniert hat; vermutlich hatte ich einfach mal wieder Lust auf einen "guten alten" Contemporary. Genau das — und vielleicht noch ein bisschen mehr — sollte ich bekommen.
Zuallererst finde ich es beeindruckend, wie gut es McManus gelingt, die Geschichten der vier Jugendlichen (Simon bekommt logischerweise keine Perspektive) zu erzählen. Obwohl das Buch keine vierhundert Seiten hat, hatte ich nie das Gefühl, dass irgendjemand zu viel oder zu wenig zu Wort kam. Zugegeben habe ich nicht alle von ihnen von anfangs an gemocht, — gerade mit Addy hatte ich meine Probleme — aber als ich das Buch zuschlug, war ich schon ein wenig traurig, sie alle gehen zu sehen.
Das Ding ist, sie werden im Klappentext der Geschichte als Stereotype beschrieben: Bronwyn ist die Streberin, Nate der Drogendealer, Addy das folgsame Hündchen ihres Freundes, Cooper ist der perfekte Schönling, dem die Sportstipendien förmlich zufliegen. Dabei macht die Autorin so viel mehr aus ihnen, verpasst ihnen Familien, Hobbys, Freunde und schafft es noch irgendwie, das alles ins Buch zu packen, ohne dass irgendwo Längen entstehen. Grundsätzlich finde ich klasse, welche Rolle Familie in One of Us Is Lying einnimmt. Nein, es werden nicht harmonische Familien präsentiert — aber wenigstens werden die Eltern und Geschwister erwähnt und tauchen tatsächlich auf, anstatt immer "zufällig" außer Haus zu sein. Gerade Addys und Bronwyns Schwestern sind ziemlich präsent, was ich klasse finde.
Man könnte argumentieren, dass dadurch das Mysterium rund um Simons Tod in den Hintergrund rückt — wenn ich im Nachhinein darüber nachdenke, ist das definitiv bis zu einem gewissen Grad der Fall. Das Ding ist, dass mich das überhaupt nicht gestört hat. Ich hätte über die Charaktere einfach so lesen können und das Buch trotzdem noch genossen, obwohl dieser Kriminalaspekt dem Ganzen einen zusätzlichen Kick gegeben hat. Es ist durchaus gut gemacht — mit genau der richtigen Prise Überraschungen, dass ich das Buch nur noch mit Mühe weglegen konnte.
Zugegeben, ich habe ausnahmsweise tatsächlich erraten, wer Simon umgebracht hat. Ich hatte zumindest von Anfang an eine Vermutung, die sich bewahrheitete, und somit hatte ich nicht den "großen Knall" am Ende des Buches, was für mich okay war und zumindest meinem Lesegenuss keinen Abbruch tat.
Was ich allerdings kritisieren muss, — ohne zu sehr zu spoilern, daher keine Namen — ist ganz speziell das Ende zweier Charaktere. In den letzten Augenblicken wurde noch (unnötiges) Drama hineingebracht, weswegen besagte Charaktere nicht das Happy End bekommen konnten, was ich mir für sie gewünscht hätte (sie waren/sind meine Favoriten). Das ist ein klitzekleiner Wermutstropfen, denn im Großen und Ganzen hat mich One of Us Is Lying nicht nur überzeugt, sondern in erster Linie überrascht. Ja, die Idee ist nicht neu; manch andere würden sie vielleicht sogar als "ausgelutscht" bezeichnen. Aber mit authentischen Charakteren verleiht Karen M. McManus der Geschichte einen ganz besonderen Twist, weshalb ich letztendlich froh bin, ihr Debüt gelesen zu haben.

Fazit
One of Us Is Lying ist ein tolles Debüt. Karen McManus nimmt eine allseits bekannte Idee und macht ihr eigenes Ding daraus — besonders die Charaktere haben mich beeindruckt, aber auch das Mysterium rund um Simons Tod beinhaltet einige (böse) Überraschungen. Von mir gibt's eine ganz klare Empfehlung für alle, die Lust auf ein Contemporary mit authentischen Charakteren haben!


One of Us Is Lying ⚬ Taschenbuch: 368 Seiten ⚬ Delacorte Press ⚬ Einzelband ca. 7,99€

Samstag, 27. Mai 2017

[Rezension] Giants: Zorn der Götter - Sylvain Neuvel

Da es sich hierbei um einen zweiten Band handelt, kann die Rezension Spoiler enthalten!


Inhalt
Zehn Jahre sind vergangen, seitdem Dr. Rose Franklin und ihr Team die wahnwitzige Aufgabe auf sich nahmen, den Roboter Themis zusammenzubauen. Doch noch immer haben sie mehr Fragen als Antworten, und ihnen läuft die Zeit davon, als ein weiterer Roboter in London auftaucht. Schon bald müssen sie realisieren, dass dies nur der Anfang ist — und dass ihnen die größte Herausforderung erst noch bevorsteht, die die ganze Menschheit bedroht.

Meine Meinung
Giants: Sie sind erwacht war eines meiner Jahreshighlights 2016. Ihr könnt gar nicht glauben, wie sehr ich mich auf die Fortsetzung gefreut habe — und so viel kann ich sagen, ich bin wieder einmal begeistert!
Das System ist dasselbe wie schon beim ersten Band: Die Geschichte wird auf ihre ganz besondere Art und Weise durch Interviews und gegebenenfalls Berichte erzählt. Im Zentrum steht wieder der mysteriöse Interviewer (über den wir in diesem Band tatsächlich mehr erfahren!), der die Fäden in den Händen zu halten scheint.
Obwohl zwischen den Ereignissen in beiden Büchern zehn Jahre verstrichen sind, wurde man als Leser erstaunlich schnell und mühelos in die zwischenzeitlichen Geschehnisse eingeführt. In Giants: Zorn der Götter gibt es sogar einen weiteren Zeitsprung, und auch dieser gelingt Sylvain Neuvel mühelos.
Auch die Thematik bleibt spannend, Neuvel kreiert ein weiteres Mal Science Fiction vom Feinsten: In dem Buch finden sich Aspekte der Physik, Linguistik, Politik und verstärkt der Biologie — all das Komplexe wieder so heruntergebrochen, dass selbst Fachfremde kein Problem haben, sich zurechtzufinden. Im Gegenteil: Man ist wieder und wieder aufs Neue fasziniert, was der Autor geschaffen hat. Es wirkt so real, dass mir die Idee, dass es in dem Buch eigentlich um eine Alien-Invasion gibt, stellenweise fast schon absurd vorkam! An dieser Stelle liegt auch mein einziger, kleiner Kritikpunkt: Der Grund hinter der Invasion war mir letztendlich fast schon zu banal. Ich hatte nach all den Geschehnissen irgendetwas Größeres, Wirkgewaltigeres erwartet — aber vielleicht muss ich das Ganze auch erst sacken lassen.
Wo ich schon von Geschehnissen spreche — meine Güte. Ich dachte, Giants: Sie sind erwacht hätte mich an die Grenzen meiner Nerven gebracht. Aber das war noch gar nichts gegen diesen Band. Ich habe die zweite Hälfte des Buches in einem Rutsch durchgelesen, was mir wirklich schon ewig nicht mehr passiert ist; es war mir einfach unmöglich, es wegzulegen. Grundsätzlich ist der Plot einfach so viel größer angelegt, als ich jemals erwartet hätte. Vom Syndrom eines schlechten zweiten Bandes keine Spur, im Gegenteil — Neuvel legte immer noch einmal eine Schippe drauf, wenn ich es für unmöglich glaubte.
Ich kann auch nicht genug betonen, wie sehr mir die Charaktere ans Herz gewachsen ist — allen voran Kara und Vincent, aber auch Rose und selbst den mysteriösen Interviewer habe ich lieb gewonnen. Ich bin wieder einmal beeindruckt, wie viel nur über Dialog bzw. Interviews übermittelt werden kann. Und meine Güte, haben sie mich in Existenzkrisen gestürzt. Ich habe einen Großteil des Buches auf einer Busfahrt gelesen, und ich habe unverschämt oft aus dem Fenster geblinzelt, weil mir die Tränen kamen.
Also, ja, ich bin aufs Neue begeistert. Eigentlich noch mehr als zuvor. Giants: Zorn der Götter ist mehr eine würdige Fortsetzung, die ich nur auf hohem Niveau kritisieren kann. Ansonsten beweist Neuvel erneut, wie gut er nicht nur schreiben, sondern auch diese verschiedenen Themenbereiche miteinander verflechten kann. Von mir gibt's eine ganz klare Empfehlung. Und alle, die die Reihe noch nicht begonnen haben, sollten das definitiv nachholen!

Fazit
Giants: Zorn der Götter steht seinem Vorgänger in nichts nach. Wieder beweist Neuvel, dass er nicht nur authentische Charaktere schreiben, sondern auch seinen Plot größer und größer konstruieren kann, ohne sich in komplizierten Erklärungen zu verstricken. Er macht Science Fiction zugänglich, und er macht es verdammt gut — ich bin begeistert!


Giants: Zorn der Götter ⚬ übersetzt von Marcel Häußler ⚬ Taschenbuch: 480 Seiten ⚬ Band 2 14,99€

Vielen Dank an Heyne für das Rezensionsexemplar!

Mittwoch, 24. Mai 2017

[Rezension] Der Schwarze Thron — Die Schwestern - Kendare Blake


Inhalt
Die Drillinge Katharine, Mirabella und Arsinoe sind mit verschiedenen magischen Talenten geboren worden — und sie alle sind Anwärterinnen auf den Thron. Wenn sie ein bestimmtes Alter erreichen, beginnt ein Kampf um Leben und Tod. Denn nur eine kann Königin werden...

Meine Meinung
Der Schwarze Thron  Die Schwestern ist eines dieser Bücher, das seit einer Ewigkeit auf meiner Wunschliste stand, ich mir aber — aus welchem Grund auch immer — nie zulegte. Deshalb habe ich mich umso mehr darüber gefreut, das Buch vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt zu kriegen. Vielen Dank an der Stelle noch mal dafür!
Die Idee klingt vielversprechend: Ein Drillingspaar, das sich auf den Tod bekämpfen muss. Eine Welt mit verschiedenen magischen Elementen, und vor allem vielen Leuten hinter den Kulissen, die versuchen, die Fäden nach ihren Vorstellungen zu ziehen. Leider konnte mich die tatsächliche Umsetzung weniger überzeugen.
Eines muss man Kendare Blake lassen: Ihr Schreibstil hat mich unglaublich fasziniert. Sie schreibt in der dritten Person Präsens, beschränkt sich nicht auf die Sicht der Drillinge, sondern schlüpft auch in die Perspektive zahlreicher Nebenfiguren. Dabei gelingt es ihr, nahtlos von einer Sicht in die andere überzugehen, manchmal auch inmitten einer Szene — fand ich sehr cool. Andererseits fürchte ich auch, dass der Schreibstil für dieses Buch vielleicht ungeeignet war; ich hatte oft das Gefühl, dass die Stimme von jedem Charakter dieselbe war und dass ich sie maximal durch ihre Namen unterscheiden konnte. Außerdem wirkt der Stil oft sehr nüchtern, fast schon kindlich; dass das Buch ein paar... brutalere Momente hat, bildet dazu einen ziemlich krassen Kontrast, der mir persönlich negativ aufgefallen ist.
Grundsätzlich hat Blake in mir einen Interessenskonflikt ausgelöst: Ich war überwältigt und unterwältigt zugleich. Einerseits bekommt man praktisch drei Bücher, schließlich wird die Geschichte von jeder Anwärterin erzählt, die in ihrer eigenen Nische mit eigenen Freunden/Ziehfamilien/politischen Machtpolen lebt. Das bedeutet verdammt viele Namen, die ich bis zum Ende des Buches ehrlich gesagt nicht auf die Reihe gekriegt habe. Gleichzeitig... gleichzeitig passiert einfach nichts. Alle drei Geschichten treten mehr oder weniger auf der Stelle, ein paar wenige Ausnahmen gegen Ende der Geschichte. Auf mich wirkte alles so... sinnlos. Als würde man bloß ein Ende herauszögern, die Reihe so weit wie möglich in die Länge strecken. Das war ziemlich frustrierend.
Auch in anderen Aspekten hätte so viel mehr passieren können — allen voran der Weltenbau, aber auch das politische Element des Romans war zweidimensional. Die Motivationen der einzelnen Charaktere sind schwach oder mir unergründlich, und die Magie und das ganze Warum bleiben auch sehr vage. Überhaupt weiß ich nicht, was ich von der Einteilung in Giftmischer (Katharine), Elementwandler (Mirabella) und Naturbegabte (Arsinoe) halten soll. Gerade die letzten beiden überschneiden sich irgendwie?
Seltsam fand ich auch, dass sie als Bewohner der Insel Fennbirn eine unglaublich stereotype und vorurteilige Auffassung von den Landbewohnern hatten, die nicht genauer erklärt wurde und auf mich einfach einseitig und voreingenommen wirkte.
Aber Arsinoe war eine Königin. Die Insel würde sie niemals gehen lassen.
(Der Schwarze Thron — Die Schwestern, Kendare Blake, Penhaligon)
Was mich jedoch am meisten frustrierte, waren die durchweg sinn- und zwecklosen Liebesbeziehungen. Ja, Plural. Leider. Zuallererst musste jede der (fünfzehnjährigen!) Anwärterinnen mindestens einen Typen zugeordnet kriegen. Meistens kennen sie sich genau fünf Minuten, bis sie bereits übereinander herfallen. Katharine, zum Beispiel, wird gelehrt, wie sie richtig küssen soll. Äh, ja. Grundsätzlich wird andauernd von irgendwelchen Freiern geredet, die sich dann auf die Königin stürzen wollen, die am ehesten den Kampf gewinnt. Als ob das bisher Beschriebene nicht schon schlimm genug wäre, wird das Ganze von einer Betrugsgeschichte getoppt.

Spoiler
Und zwar geht es dabei um Arsinoes beste Freundin, Jules, die in einer Beziehung mit Joseph ist. Joseph aber betrügt sie zweimal (!) mit Mirabella, OHNE GRUND, und sein Verhalten wird NICHT angeprangert. Jules ist einmal traurig, beim zweiten Mal schon fast resigniert. Joseph hingegen knutscht und schläft sich weiter durch die Weltgeschichte. Hä? Was genau sollte das? Ich versteh's nicht. Auf keiner der beteiligten Seiten. Aber toll, was damit dem jüngeren Publikum vermittelt wird.

Ich habe nicht genau darauf geachtet, aber meines Eindrucks nach ist die Gesellschaft Fennbirns darüber hinaus stark heteronormativ und, tja, weiß. Der einzige Junge (einer der Freier), der mit dunkler Haut beschrieben wird, wird ein paar Seiten später als flüchtend umschrieben und quasi als Feigling bezeichnet.
Ja, ich habe das Lesen des Buches nicht gehasst. Zumindest anfangs nicht. Der Schreibstil ist wirklich okay, und er ermöglicht es, das Buch zügig durchzukriegen. Katharine habe ich irgendwie ins Herz geschlossen, und ginge es nur um sie, würde ich die Reihe vielleicht sogar weiterverfolgen. In den letzten Zügen des Buches gibt es sogar ein paar wirklich überraschende Plottwists, aber das genügt leider auch nicht, um meinen Glauben in die Geschichte wiederherzustellen. Wie gesagt, die Idee ist toll, aber die Umsetzung ist flach und bisweilen katastrophal. Der Schwarze Thron Die Schwestern macht zahlreiche Versprechen, kann aber keins davon halten.

Fazit
Der Schwarze Thron Die Schwestern hat eine grandiose Prämisse, die in ihrer Umsetzung leider in den Sand gesetzt wurde. Die Charaktere sind flach und untereinander austauschbar, es gibt zu viele unrealistische Liebeleien und zu wenig Politik und Plot, und der Weltenbau ist auch dürftig. Von meiner Seite gibt es keine Empfehlung.


Der Schwarze Thron Die Schwestern ⚬ übersetzt von Charlotte Lungstrass-Kapfer ⚬ Klappenbroschur: 448 Seiten ⚬ Band 1 14,99€

Vielen Dank an Penhaligon für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Samstag, 20. Mai 2017

[Rezension] A Court of Wings and Ruin - Sarah J. Maas

Da es sich hierbei um einen dritten Band handelt, kann die Rezension Spoiler enthalten.


Inhalt
Der Krieg gegen Hybern steht kurz bevor. Doch Feyres persönlicher Rachezug beginnt schon viel früher, indem sie von innen heraus gegen Tamlin ankämpft. Doch schon ziemlich bald stellt sich die Frage, wie viele Verbündete sie wirklich zusammentrommeln kann — und ob das genug sein wird.

Meine Meinung
Ich glaube, ich habe einen Prythian-Overkill. Bevor ich A Court of Wings and Ruin begonnen habe, habe ich die ersten zwei Bände noch einmal gelesen, und im Gegensatz zu Throne of Glass hatte ich Feyre tatsächlich irgendwann ein bisschen satt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ich das Gefühl hatte, dass Maas sich öfters wiederholt — aber dazu später mehr.
Ich bin im Nachhinein froh, keine unglaublich hohen Erwartungen gehabt zu haben. ACOWAR ist gut, aber es ist im Großen und Ganzen nicht grandios.
Fangen wir jedoch mit den Dingen an, die ich geliebt habe: Wir haben einen unglaublich ausgiebigen Einblick in die anderen Courts bekommen — zu sehen, wie jeder Court andere Eigenheiten hat oder wie die High Lords sich verhalten, hat einfach sehr viel Spaß gemacht. Da ist noch so viel von Prythian, das es noch zu entdecken gibt, und im Nachhinein bin ich nur noch neugieriger.
Ein weiteres Highlight waren die für Maas typischen Plottwists. Ich schreibe typischen, weil es nach neun Büchern von ihr wirklich einfach so ist; sie hat eine Art und Weise, die verschiedenen Stränge zu verknüpfen, die fast schon einzigartig ist. Es gibt wenige Autoren, denen es so oft gelingt, mich perplex vor dem Buch sitzen zu lassen.
Und natürlich könnte ich nicht über diese Trilogie sprechen, ohne all die fantastischen Charaktere zu erwähnen. Sie sind das Herzstück dieser Bücher, und gerade die Entwicklungen, die schon zu Beginn der Trilogie eingeführt wurden, haben sich hier auf eine grandiose Art und Weise weiterentwickelt. Damit meine ich nicht nur die üblichen Verdächtigen Feyre und Rhysand (auch wenn Feyres Entwicklung als Überlebende eines Traumas wirklich sehr sorgfältig konstruiert und beeindruckend ist), sondern gerade die "Neben"charaktere — Lucien, Nesta, Elain, Cassian, Amren, um ein paar zu nennen. Was sie so besonders macht, ist, dass jeder von ihnen seine eigene Geschichte hat; man mag zwar nicht jedes Detail von dieser Geschichte erfahren, doch allein durch die paar Einblicke entsteht eine unglaubliche Dreidimensionalität, von der die Bücher einfach leben. Ich kann gar keinen Favoriten mehr nennen. Ich habe sie alle auf ihre eigene Art und Weise geliebt und das Buch allein schon wegen ihnen genossen.
Was jedoch genervt hat: Dass sich ein paar Sachen bei Maas nach dem Schema F wiederholen. Wieder und wieder macht Feyre etwas Dummes, und Rhys sagt ihr, sie solle das nie wieder machen, und natürlich macht sie es wieder. Oder umgekehrt — Rhys begibt sich in Gefahr, Feyre rastet schier aus, weil Rhys ja nicht jahrhundertealt ist und weiß, was er macht, nicht wahr? Dieses übertriebene Beschützen hat mich einfach irgendwann dazu gebracht, die Augen zu verdrehen. Aber das ist vielleicht schon Kritik auf hohem Niveau.
Denn wahrscheinlich sind es auch die Charaktere, die mich über den etwas... trägeren Teil des Buches hinweggerettet haben. Es wäre übertrieben, zu sagen, dass es langweilig war oder dass nichts passiert ist — aber nach den ersten einhundert Seiten hatte ich schlichtweg das Gefühl, dass die Geschichte stagniert. Das Lesen hat immer noch Spaß gemacht, und es war irgendwie interessant, aber einfach nicht so spannend, dass ich sofort wissen musste, wie es weitergeht. In dem Teil des Buches geht es um mehr und mehr Gespräche, und die meisten von ihnen treten ein wenig auf der Stelle oder drehen sich andauernd um dieselben Themen. Und ja, für mich leider, gibt es auch wieder zahlreiche Sexszenen.

Leichter Spoiler für Empire of Storms und ACOWARDiese fast schon Sexbesessenheit war auch etwas, das mich bei Maas’ anderer Reihe unglaublich frustriert hat. Ich habe die ersten Bände geliebt, aber in Empire of Storms rückte das meiner Meinung nach wirklich Wichtige einfach in den Hintergrund, was so schade ist! Bei ACOWAR war es ähnlich; Feyre und Rhys haben über ihren mating bond andauernd irgendwelche schmutzigen Sachen ausgetauscht, egal, wie ernst die Situation war – als könnten sie keine fünf Minuten an etwas anderes denken. Sie schlafen nicht nur andauernd, sondern selbst im Kriegscamp miteinander, während um sie herum Leute sterben. Ich bin mir sicher, dass es zahlreiche Leute gibt, denen das gefällt. Aber ich habe mich aus anderen Gründen in die Bücher verliebt.

Wie steht es jetzt um die Diversität des Buches? Bereits im Voraus brach eine gigantische Diskussion aufgrund der Acephobia* in Kapitel 3 aus, die auch im Kontext immer noch bedenklich und problematisch ist. Ansonsten würde ich lügen, wenn ich sagen würde, dass Maas es nicht versucht hat; öfters ist von dunklen Hautfarben die Rede, und es werden tatsächlich mehrere bisexuelle bzw. lesbische/schwule Charaktere eingeführt. Meiner Meinung nach ist die Repräsentation ein passabler Anfang, wenn auch noch gehörig Luft nach oben ist; ich habe bei anderen Bloggern/Booktubern allerdings auch andere Perspektiven gehört.

Spoiler für ACOWARMors Sexualität liegt mir dabei besonders am Herzen – sie outet sich als lesbisch, was an sich klasse ist, aber die Art und Weise und vor allem der Zeitpunkt, den Maas dabei gewählt hat, ist katastrophal. Mor befindet sich seit Jahrhunderten in einem liebenden Umfeld: Warum öffnet sie sich ausgerechnet gegenüber Feyre? Warum hat sie vorher einfach nichts gesagt und sich stattdessen entschieden, Azriel leiden zu lassen? Auch das plötzliche Outing wirkte auf mich eher so, als würde Maas verbissen versuchen, mehr Diversität einzubringen. Mor lebt in keiner Gesellschaft, in der Homosexualität abgelehnt wird. Stattdessen lässt sie Azriel willentlich leiden und versteckt sich selbst... aber warum?

Ich kann mich nur wiederholen — es ist ein Anfang, so holprig er auch sein mag. Von Maas' Seite würde ich mir jedoch wünschen, dass sie vielleicht einmal Stellungnahme beziehen würde und sich in Zukunft besser informiert und weiterentwickelt.
Der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte, ist natürlich das Ende. Ich war etwas nervös deswegen, schließlich handelt es sich hierbei um den ersten Abschluss einer Reihe, den wir von Maas bekommen haben. Im Nachhinein bin ich etwas zwiegespalten.
Versteht mich nicht falsch: In den letzten hundert Seiten war ich wieder einmal in Maas' Bann gefangen. Ein Plottwist folgte auf den anderen und, ja, auch ich saß wieder heulend im Bett. (Wenn auch nicht so schlimm wie bei A Court of Mist and Fury.) Aber es fehlte einfach etwas. Es war ein grandioses und berauschendes Finale, aber es war nicht vollständig. Es gibt so viele Storylines, die noch in der Luft hängen, was einfach unglaublich schade ist. Ob es schlichtweg Sorglosigkeit von Seiten der Autorin ist oder eine "Masche", um den Leser dazu zu bringen, auch ja die Spin-Offs zu lesen, wenn sie erscheinen — ich weiß es nicht. Ich bin ein wenig enttäuscht, auch wenn ich dem Buch gleichzeitig am liebsten wegen dem Nervenkitzel am Ende fünf Sterne gegeben hätte.
Eigentlich weiß ich selbst Tage später noch nicht so ganz, was ich von A Court of Wings and Ruin halten soll. Es war gut, aber es war immer noch problematisch, und die Story war zu lang und zu kurz an den falschen Stellen. Ganz im Ernst: Die Trilogie als Ganzes betrachtet würde ich niemandem empfehlen. Ich hoffe jedoch, dass es Maas in Zukunft mehr und mehr gelingt, sich von schädlichen Klischees abzuwenden.

Fazit
A Court of Wings and Ruin war ein solider Abschluss, wenn auch das Ende meiner Meinung nach zu offen gestaltet wurde. Vor allem ist es nicht frei von problematischen Aspekten; auch wenn Maas versucht, mehr Diversität zu integrieren, gelingt ihr das nur bedingt. Für Fans der Reihe lesenswert, Interessierten würde ich die Trilogie nicht empfehlen.


A Court of Wings and Ruin ⚬ Taschenbuch: 699 Seiten ⚬ Bloomsbury UK ⚬ Band 3/3 ca. 8,49€

* Ich kenne keinen deutschen Begriff für Acephobia; falls mir jemand damit aushelfen könnte, wäre ich sehr dankbar!

Samstag, 6. Mai 2017

[Rezension] The Young Elites - Marie Lu


Inhalt
Adelina ist eine malfetto — eines der Kinder, das das Blutfieber überlebt hat, wenn auch mit Narben. Für ihren Vater ist sie eine Abscheulichkeit, eine Schande für den Familiennamen.
Manche der Überlebenden haben Fähigkeiten entwickelt, was sie zu Young Elites macht. Adelina, mit dieser großen Dunkelheit in ihrem Inneren, ist womöglich eine von ihnen. Bald überschlagen sich die Ereignisse, und sie kommt in Kontakt mit der Dagger Society — einer fast schon elitären Gruppe Young Elites, die den König stürzen wollen. Adelina könnte ihre Rettung sein. Oder ihr Verderben.

Meine Meinung
Ich hätte The Young Elites fast nicht gelesen. Ich hatte das Buch schon im Hinterkopf, seitdem es im Englischen erschienen ist; habe zahlreiche Meinungen gehört, die meisten weniger begeistert. Dann kam die Publikation in Deutschland, und meine Neugier war wieder aufs Neue entfacht. So sehr, dass ich all die durchschnittlichen Rezensionen aus meinen Gedanken schob und mir sagte: Du hast Marie Lus Legend-Reihe auch geliebt. Versuch's doch einfach.
Ich sollte öfter auf mich selbst hören.
Adelinas Geschichte ist eine von Höhen und Tiefen — mehr Tiefen, um ehrlich zu sein — und natürlich könnte ich dieses Buch nicht rezensieren, ohne über sie zu sprechen. Sie wird oft als Anti-Heldin beschrieben, aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich der Bezeichnung zustimmen kann. Ist sie überhaupt eine Heldin? Wer ist sie? Und wie tief reicht die Dunkelheit in ihr? Ganz im Ernst: Ich kann keine dieser Fragen beantworten. Ihr Charakter hat mich dennoch unglaublich gepackt, gerade, weil er so schwer zu fassen ist — natürlich hat sie ihre guten Momente, denen, in welchen sie eher einer "typischen" Young Adult-Protagonistin entspricht, aber dann tut sie wieder Dinge, die ich weder nachvollziehen noch gutheißen kann, und ich bin einfach unglaublich... fasziniert? Manchmal habe ich sie hassen wollen. Meistens habe ich sie schütteln wollen. Doch am Ende des Buches war ich immer noch interessiert, wollte einfach mehr von ihrer Geschichte. Ich könnte nicht sagen, dass ich sie bewundere. Aber ich glaube, ich mag sie. (Irgendwie.)
Grundsätzlich beweist Lu mit The Young Elites, dass man nicht immer Charaktere braucht, die man gut leiden kann, um ihre Geschichte zu mögen — da ist zum Beispiel Tieren, der Inquisitor, der erst nach Adelinas Leben, dann nach ihren Kräften trachtet. Tieren ist ein unglaublich guter Bösewicht, mit Motiven, die mir beim ersten Lesen fast zu unglaublich erschienen, um wahr zu sein.
Oder Enzo, der Führer der Dagger Society. Wären wir in einem typischen YA-Buch, wäre er wohl das klassische love interest, mit der düsteren Aura und dem faszinierenden Aussehen. Aber auch hier wird der Geschichte Originalität verliehen, denn seine Motive, seine Ziele, sein ganzes Handeln haben mich schlichtweg beeindruckt. Ich glaube, zusammen mit Raffaele — einem weiteren Young Elite, der so sanft und nachsichtig auftritt, dass man es ihm fast nicht abkaufen möchte — ist er mein Lieblingscharakter. Wie Adelina konnte auch ich mich nicht seinem Bann entziehen.
Gut gefallen hat mir auch die Art und Weise, wie das Buch verfasst war, wenn auch es anfangs etwas befremdlich auf mich wirkte — Lu erzählt überwiegend aus Adelinas Sicht im Präsens, wechselt aber manchmal in die dritte Person Präsens, um in die Köpfe anderer Charaktere zu schlüpfen. Dadurch wurde das Spektrum der Geschichte noch einmal größer und nur noch spannender.
Die Geschichte spielt in Kenettra im 14. Jahrhundert, eine Welt, die mich stark an das Italien der Renaissance erinnert hat. Ich habe noch nie eine Geschichte mit solch einem Setting gelesen, und es hat mir unglaublich gut gefallen — Lu gelingt es mühelos, dem Leser Adelinas Welt nahezubringen, nicht zuletzt, weil diese bis ins kleinste Detail ausgearbeitet ist und einfach überzeugt. Normalerweise habe ich so meine Probleme, mich in einem mir fremden Setting zurechtzufinden, aber hier gelang mir die Anpassung mühelos. Auch die Erklärung, die für die Fähigkeiten der Young Elites geliefert wird, war besonders originell und toll integriert.
Warum ich dem Buch dennoch keine volle Punktzahl verleihe, kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht, weil mich die Entwicklung zum Ende hin so unerwartet getroffen hat, dass ich jetzt noch nicht sicher bin, wie die Geschichte weitergehen soll — vielleicht auch, weil ich Adelina doch nicht alles verzeihen kann. Ich glaube, es liegt auf jeden Fall daran, dass ich hin und wieder Adelinas Sicht auf die Dinge etwas zu abrupt fand, weswegen ein paar Ereignisse mich schlichtweg etwas aus der Bahn geworfen haben. Außerdem habe ich das Gefühl, dass Adelinas Geschichte noch so einiges mehr beinhaltet — und ich sie definitiv weiter verfolgen werde. Letztendlich ist The Young Elites für mich ein weiterer Beweis für Marie Lus Können, und sie kann sich damit in die Ränge meiner Lieblingsautoren einreihen.

Fazit
The Young Elites ist ein gelungener Auftakt mit einer Protagonistin, die mich als Leser immer wieder dazu brachte, meine eigene Auffassung von Moral in Frage zu stellen. Zusammen mit einem actionreichen Plot und einem grandiosen Weltenbau hat mich Marie Lu wieder einmal überzeugen können.


The Young Elites ⚬ Taschenbuch: 384 Seiten ⚬ Speak ⚬ Band 1/3 ⚬ ca. 8,99€ ⚬ Kaufen?

Weitere Rezensionen: Ink of Books ⚬ Zeit zu Lesen

Mittwoch, 26. April 2017

[Rezension] The Crown's Game - Evelyn Skye


Inhalt
Vika ist ein Enchanter — eine mächtige Magierin, deren Kräfte eines Tages dem Zar dienen sollen. Ihr ganzes Leben lang wurde sie von ihrem Vater auf die Rolle vorbereitet.
Doch da ist auch noch Nikolai, der ebenfalls seit Jahren trainiert wurde. Ein zweiter Enchanter, was die beiden in eine Konstellation bringt, die höchstens alle paar hundert Jahre vorkommt. Denn wenn es zwei von ihnen gleichzeitig gibt, bleibt nur eine Option: The Crown's Game, ein Wettbewerb auf Leben und Tod.

Meine Meinung
The Crown's Game war zu hundert Prozent ein Impulskauf. Ich hatte von dem Buch schon eine Weile gehört, und schließlich war es eine Rezension, die mir den letzten Stoß gab. Ein paar Tage später hielt ich es in den Händen; ein paar weitere Tage später schlug ich es zu und war mir nicht ganz sicher, was ich da gerade gelesen habe. Grundsätzlich ist The Crown's Game ein Buch, das mit den Erwartungen des Lesers spielt und dann doch einen ganz anderen Weg einschlägt.
Darüber hinaus ist es ein Werk, das vorrangig von den Charakteren lebt und weniger von actionreichen Szenen. Da sind natürlich Vika und Nikolai, die beiden Enchanter, aber auch Pasha, der Zarewitsch, Nikolas bester Freund und zuletzt der Sohn des Zars, des Mannes, der das Spiel erst initiiert hat.
Vika war meine absolute Favoritin des Trios. Zu ihr habe ich nicht nur die größte Verbundenheit gespürt, sondern sie hat mich schlichtweg mit ihrer Art beeindruckt — sie ist unglaublich willensstark und liebt ihren Vater über alles; gleichzeitig kämpft sie mit sich selbst, fragt sich, ob sie Nikolai einfach kaltblütig töten kann, um den Wettkampf zu gewinnen.
Nikolai mochte ich zumindest anfangs weniger — vermutlich, weil ich manchmal das Gefühl hatte, keinen richtigen Draht zu ihm zu finden. Dennoch war es spannend zu sehen, wo die Schwerpunkte seiner Fähigkeit im Gegensatz zu Vikas liegen. Außerdem ist er einer dieser Charaktere, die man erst im Nachhinein richtig zu schätzen weiß; wie zum Beispiel seine Selbstlosigkeit, die er hinter seinen Taten versteckt.
Ein wenig an Rhy aus A Darker Shade of Magic erinnert hat mich Pasha: Ein Thronfolger, der noch nicht wirklich bereit ist, die Bürden des Königsreichs auf den eigenen Schultern zu tragen — und es dennoch viel zu früh tun muss. Allein dafür habe ich ihn ins Herz geschlossen; er ist einfach ein unglaublich lebensfroher Charakter, immerzu optimistisch (anfangs sogar noch etwas naiv) und einfach so... weltoffen. Er macht, ohne zu viel zu verraten, meiner Meinung nach auch die spannendste Entwicklung durch. Leider geht sie etwas zu schnell vonstatten, was besonders im Kontrast zu dem gemächlicheren Tempo des Buches mich etwas aus der Bahn warf. Aber das ist eine Kleinigkeit; bei The Crown's Game ist jede Kritik auf hohem Niveau.
Evelyn Skye hat den Wettkampf zwischen Nikolai und Vika grundsätzlich ganz anders gestaltet, als ich erwartet habe; ich dachte eher an Kämpfe auf Leben und Tod wie bei The Hunger Games oder Throne of Glass. Stattdessen entwickelte sich der Wettbewerb eher wie ein Schachspiel; ein Enchanter macht seinen Zug, dann kommt der nächste... bei den einzelnen Runden nahm sich Skye ausreichend Zeit, um die Magie darzustellen und sie vor den Augen des Lesers lebendig werden zu lassen.
Ich muss sowieso anmerken, dass sowohl der Weltenbau als auch die Ausgestaltung der Magie vollkommen gelungen ist. The Crown's Game spielt in Russland, und aus dem Nachwort der Autorin lässt sich schließen, dass sie sich tatsächlich an einen großen Teil der historischen Gegebenheiten gehalten hat. Durch ihr Studium wurde ihr bereits die meiste Recherche abgenommen, was ich besonders spannend finde. Ich kann nicht für eine korrekte Darstellung sprechen, aber zumindest so viel sagen: Vikas Russland ist vor meinen Augen zum Leben erwacht.
Mein Highlight dieses Weltenbaus: Dass Magie fast schon wie eine Religion behandelt wird. Entweder man glaubt daran — oder tut es nicht. Die Leute, die nicht daran glauben, erfinden unglaublich faszinierende/schräge Ausreden für bestimmte Phänomene. Das war einfach ein i-Tüpfelchen, das mich immer wieder zum Schmunzeln brachte.
Obwohl das Tempo der Geschichte zur Mitte hin etwas langsamer wird, nahm das Ende nur umso mehr Fahrt auf und ließ mich vollkommen schockiert zurück. Zwei gute Nachrichten: The Crown's Game ist der Auftakt einer Dilogie. Der zweite Teil erscheint im Mai. Mehr will man als Leser doch nicht hören, oder?
Es war wirklich ein fantastisches Debüt. Eines, dem man anmerkt, wie viel Arbeit hineingeflossen ist.  Es gibt nur kleinere Schwächen: Manchmal bewegt sich die Geschichte einfach zu langsam. Hin und wieder fehlte mir ein wenig der Draht zu den Charakteren. Aber abgesehen davon hat mich das Russland der Charaktere mit offenen Armen empfangen — und ich bin unglaublich gespannt, zu welchem Ende Vikas, Nikolais und Pashas Geschichte gelangen wird.

Fazit
The Crown's Game ist ein unglaublich gutes Debüt, das mit faszinierenden Charakteren, einem grandiosen und bildhaften Weltenbau und seiner ganz besonderen Magie beeindruckt. Für all die, die Geschichten lieben, die von ihren Charakteren und einem prächtigen Weltenbau leben — und erst recht etwas für Fans von Leigh Bardugos Grischa-Werken.


The Crown's Game ⚬ Taschenbuch: 416 Seiten ⚬ Balzer + Bray ⚬ Band 1/2 ⚬ ca. 9,99€ ⚬ Kaufen?

Mittwoch, 19. April 2017

[Rezension] Me and Earl and the Dying Girl - Jesse Andrews


Inhalt
Greg verbringt seine Freizeit hauptsächlich damit, mit seinem besten Freund Earl Filme zu machen, die niemals jemand zu Gesicht bekommt. Sein Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als seine Mutter ihn überredet, sich mit Rachel anzufreunden — Rachel, die mit Leukämie diagnostiziert wurde und nicht mehr lange zu leben hat.

Meine Meinung
Es ist eine dieser Rezensionen, bei der ich keine Ahnung habe, wie ich den Inhalt des Buches zusammenfassen soll. Allerdings nicht, weil zu viel passiert. Auch nicht, weil ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Nicht einmal, weil der Inhalt des Buches schwer zu beschreiben ist. Es liegt schlichtweg daran, dass ich keine Ahnung habe, was Jesse Andrews mit Me and Earl and the Dying Girl bezwecken wollte.
Zuallererst muss man dem Buch eins lassen: Es ist in seiner Aufmachung und Erzählweise unglaublich originell. Greg wendet sich direkt an den Leser. Er spricht über das Aufschreiben seiner Geschichte, und wie schwer ihm das Schreiben fällt. Manchmal gibt er das Geschehene in Listen wieder, oder aber in Form eines Filmskripts. Das gefiel mir unglaublich gut, und man merkt auch, wie viel Mühe in die Gestaltung geflossen ist.
Und ganz im Ernst: Ich mochte Gregs Stimme. Selbst Bücher, die als humorvoll beschrieben werden, bringen mich selten zum Grinsen, geschweige denn zum Lachen; bei Me and Earl and the Dying Girl gab es allerdings mehrere Momente, in denen ich laut gelacht habe. Zumindest das kann Greg dem Leser gut vermitteln.
Ich habe oben bewusst geschrieben, dass ich Gregs Stimme mochte — Greg als Protagonist war mir nämlich im besten Fall gleichgültig, gegen Ende hin habe ich mich zunehmend über ihn aufgeregt. Zu Beginn des Buches brüstet er sich noch damit, wie stolz er darauf ist, dass es ihm gelingt, in der Schule keiner wirklichen Gruppe anzugehören und einfach so unsichtbar wie möglich zu sein. Aber diese Hauptsache-niemand-bemerkt-mich-Haltung überträgt er auch auf alle anderen Bereiche seines Lebens. Er kümmert sich nicht um seine Noten. Er kümmert sich nicht darum, auf welches College er geht. Selbst um seine proklamierte Liebe zum Filmemachen kümmert er sich nicht. Es machte einfach auf mich den Eindruck, als würde er sich nicht im Geringsten darum bemühen, auch nur irgendetwas aus sich zu machen, und das war unglaublich frustrierend für mich.
Earl konnte ich noch weniger ausstehen. Seine Familie wird erschreckend beschrieben; sein Haus ist in einem katastrophalen Zustand, seine zahlreichen Brüder prügeln sich regelmäßig, gehen selten bis nie zur Schule und haben auch noch etwas mit Drogen am Hut. Greg verwendet bei Earls Beschreibung Einschränkungen: Die Drogen habe er aufgegeben. Jetzt rauche er nur noch. Was mich an Earl aber am meisten gestört hat, war seine unglaublich vulgäre Ausdrucksweise. Jedes zweite Wort war irgendeine Beleidigung, idealerweise noch vollkommen sinnfrei aneinander gehängt. Generell machen seine Dialoge mit Greg keinen Sinn: Jeder versucht nur, den anderen in irgendwelchen abstoßenden Ausdrücken zu übertrumpfen. Earl hat seine besten Momente gegen Ende des Buches, als er aus irgendeinem Grund plötzlich anfängt, lauter Weisheiten von sich zu geben. Außerdem ist er der Einzige, der Rachel gegenüber so etwas wie Empathie zeigt. Die Entwicklung ist mir ein Rätsel — genau wie Earls Freundschaft mit Greg —, aber in diesen Momenten war er mir zumindest wesentlich lieber als Greg.
Besonders schade ist, dass Rachels Geschichte hinter all dem verloren geht. Man sollte vom Titel ausgehend meinen, dass sie zumindest einen gewissen Anteil an der Geschichte hat, aber ganz im Ernst, die (wohl gemerkt anfangs von Gregs Mutter erzwungenen) Treffen bestehen meistens darin, dass Greg Rachels große Schneidezähne auffallen und dass Rachel nicht wirklich viel sagt und dass Greg deswegen anfängt, viel zu reden, und sie früher oder später zum Lachen bringt. Ich kann nicht mal sagen, ob ich Rachel mochte oder nicht, weil ich schlichtweg das Gefühl hatte, sie gar nicht zu kennen.
Das Ding ist, ich habe mich nicht schlecht unterhalten gefühlt. Im Gegenteil, ich hatte das Buch in drei Tagen ausgelesen und der Erzählstil und die Aufmachung haben mich wirklich fasziniert. Es ist schlichtweg schade, dass das Buch keinen roten Faden hat. Greg fängt irgendwo an und hört irgendwo anders auf. Als Leser wird man da zwangsweise enttäuscht. Vielleicht ist man auch einfach verwöhnt — schließlich bekämpfen die meisten Protagonisten das Böse und retten die Welt und kriegen am Ende noch einen tollen Job. (Oder so.) Aber zumindest was die Originalität anbetrifft, kann Me and Earl and the Dying Girl punkten. Was den Rest anbetrifft... eher weniger.

Fazit
Me and Earl and the Dying Girl ist ein Buch, bei dem ich mir auch Tage später nicht so sicher bin, was es aussagen wollte. Fest steht: Es ist kein typisches Krebsbuch, und grundsätzlich ist die Aufmachung sehr originell und faszinierend. Leider konnte ich weder den Protagonisten Greg noch seinen "besten Freund" Earl so richtig ausstehen, daher gibt es von mir an der Stelle keine Empfehlung.


Me and Earl and the Dying Girl ⚬ Taschenbuch: 304 Seiten ⚬ Amulet Books ⚬ Einzelband ⚬ Preis: ca. 9,99€ ⚬ Kaufen? 

Mittwoch, 12. April 2017

[Rezension] Jackaby - William Ritter


Inhalt
Als Abigail Rook in New Fiddleham ankommt, will sie nur eines: Einen Job finden. Eins führt zum anderen, und so wird sie Assistentin des Detektivs R. F. Jackaby. Doch Jackaby ist kein gewöhnlicher Detektiv - er hat ein Auge für Ungewöhnliches... und ist meistens in ungewöhnliche Fälle verstrickt. Noch am selben Tag wird Abigail in ihren ersten Fall verstrickt. Ein Serienmörder ist am Werk, und als die Hinweise sich häufen, steigt auch der Verdacht auf, dass es sich dabei um keinen Menschen handelt...

Meine Meinung
Ich weiß gar nicht so genau, was ich von Jackaby erwartet habe - was seltsam ist, denn nach dem Lesen des Buches fühle ich mich, als wären meine Erwartungen überhaupt nicht erfüllt worden. Andererseits fällt es mir schon schwer, die Essenz des Buches zu umreißen; denn auch wenn es gute dreihundert Seiten lang ist, habe ich irgendwie das Gefühl, dass nichts passiert ist.
Aber zurück zum Wesentlichen. Zuallererst wäre da unsere Protagonistin Abigail. Am Anfang war sie mir irgendwie sympathisch: Das Geld, das ihre Eltern für ihr Studium gespart haben, hat sie verwendet, um die Welt zu bereisen - irgendwann aber landet sie in New Fiddleham und muss sich eingestehen, dass sie keinen Schritt weiter ist. Sie wirkt wie ein eigenständiges Mädchen, das für sich denken kann und vor allem einen eigenen Willen hat, was insbesondere in Anbetracht der Tatsache interessant ist, dass die Geschichte im späten 19. Jahrhundert spielt. Doch nach ein paar Kapiteln geht es mit ihr schlichtweg bergab. Sie heftet sich Jackaby an die Fersen; wenn sie überhaupt noch etwas sagt, dann etwas Offensichtliches. Das fast schon Absurde ist, dass sie genau wegen ihrer "Fähigkeit", das Offensichtliche und Banale auszusprechen, von Jackaby geschätzt und letztlich engagiert wird. Detektivarbeit leistet sie gar keine.
"[...] Genau das ist es, was mich gleich vom ersten Tag an so an Ihnen beeindruckt hat — Ihr Gespür für Banales und Nebensächliches."

(Jackaby, William Ritter, cbt)
Und das ist nur das Oberflächliche. Die Art und Weise, wie William Ritter von ihr erzählt, hat mir auch nicht gefallen - und dabei ist das Buch aus ihrer Perspektive geschrieben! Es misslang mir, auch nur die kleinste Verbindung zu Abigail aufzubauen. Ich interessierte mich einfach null für sie. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass sie alles nur observierte und letztendlich tatenlos war.
Besonders schade war auch, dass andere Frauencharakter typisch negativ dargestellt wurden - es wird beschrieben, wie sie über Abigails Auftreten lästern und sich klischeehaft verhalten. Bis auf einen Geist gibt es keinen weiblichen Nebencharakter, der nicht irgendwie negativ gegenüber Abigail auffällt.
Ich entdeckte zwei Damen, die miteinander flüsterten und strenge, tadelnde Blicke in meine Richtung warfen. Eine der beiden trug ein mit Blumen überladenes albernes Häubchen [...].

(Jackaby, William Ritter, cbt)
Auch besonders nervenaufreibend: Ziemlich schnell bekommt Abigail von Jackaby irgendwelche ominösen Dinge erzählt, von kleinen (unsichtbaren) Tieren, die in ihrer Kleidung sitzen, über seltsame Vorkommnisse bis hin zu Banshees. Und sie nimmt das einfach so hin. Von einer Sekunde auf die andere hat sie alles akzeptiert, obwohl sie das meiste nicht einmal sieht (darauf komme ich gleich noch).
Jackaby hingegen war mein "Highlight" des Buches. Anführungszeichen, weil selbst er letztendlich mich mehr verwirrt als begeistert zurückgelassen hat. Immerhin brachten mich diverse Aussagen von ihm zum Schmunzeln; sein ganzes Auftreten wirkt ziemlich inkohärent und mysteriös, wir erfahren quasi gar nichts über seine Vergangenheit und auch nicht wirklich viel über seine Fähigkeit. Wie eben schon angedeutet, ist Jackaby der Einzige seiner "Art". Er sieht, hört und weiß Dinge, die kein anderer beherrscht. Daher wirkten seine Erzählungen oft abgehoben und unglaubwürdig.
Grundsätzlich fühlte sich das magische Konstrukt einfach falsch an. Nichts an New Fiddleham ist magisch. Es ist eine stinknormale, durchschnittliche, ja, langweilige Stadt mit unterdurchschnittlichen Charakteren und... einer Prise Magie? Ich weiß nicht. Das wirkte auf mich zusammenhanglos, so zwecklos. Lieber wäre es mir gewesen, wäre Jackaby ein nicht-magisches Mysterium gewesen, "schlichtweg" ein Genie. Letztendlich war es absurderweise Jackabys mysteriöse Art, die das Buch halbwegs leserlich machte.
Für den Krimiplot konnte ich mich auch nicht wirklich begeistern, was eben vordergründig daran lag, dass ich sämtlichen Charakteren komplett neutral gegenüberstand. Die Geschichte konnte mich einfach nicht packen. Und die Spurenjagd war sehr offensichtlich und einfach total uninteressant gestaltet. Letztendlich ist es Jackaby, der das Rätsel löst, und Abigail bringt sich nur unnötig in Gefahr und muss dann zu guter Letzt, um alle Klischees zu erfüllen, auch noch gerettet werden.
Es ist nicht so, dass Jackaby ein schlechtes Buch ist. Dazu fehlt es ihm einfach an Essenz. Immer, wenn ich nach irgendetwas im Plot greifen wollte, glitt es mir zwischen den Fingern hindurch. Abigail als Protagonistin war eine graue Maus, die man kaum bemerkte. Höchstens der Dialog zwischen ihr und Jackaby war noch ganz amüsant. Abgesehen davon war Jackaby leider ein sehr nichtsaussagender Reinfall für mich.

Fazit
Die Prämisse von Jackaby war verlockend. Leider konnte mich die Umsetzung nicht im Geringsten überzeugen; die Protagonistin war nichtsaussagend und stellenweise schlichtweg nervenaufreibend, und auch der Plot plätscherte vor sich hin und konnte mich nicht packen. Schade!


Jackaby ⚬ Taschenbuch: 320 Seiten ⚬ übersetzt von Dagmar Schmitz ⚬ cbt ⚬ Band 1/4, aber in sich abgeschlossen ⚬ 9,99€ ⚬ Kaufen?

Samstag, 8. April 2017

[Rezension] A Shadow Bright and Burning - Jessica Cluess


Inhalt
Die sechzehnjährige Henrietta Howel würde alles für ihren besten Freund Rook tun. Und sie würde alles dafür tun, dass ihre Magie unentdeckt bleibt - denn sie weiß, dass die Entdeckung ihrer Fähigkeit, Feuer zu schaffen, ihren Tod bedeuten würde.
Dann jedoch wird Rook angegriffen, und um ihn zu retten, setzt Henrietta ihre Magie ein. Ein Zauberer wird auf sie aufmerksam; doch anstatt sie umzubringen, wird sie auf ein Anwesen gebracht, auf dem sie mit sechs weiteren Jungen lernen soll, ihre Kraft zu beherrschen. Denn laut einer Prophezeiung ist Henrietta die Auserwählte in dem andauernden Krieg.
... Aber ist sie das wirklich?

Meine Meinung
Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, weshalb ich A Shadow Bright and Burning überhaupt gekauft habe.
Es hat durchschnittliche Bewertungen auf Goodreads, der offizielle Klappentext ist voller Klischeesätze und gefühlt hat das Buch niemand gelesen. Es verging sogar so viel Zeit zwischen dem Kauf des Buches und dem tatsächlichen Lesen, dass ich bis dato vergessen hatte, worum es ging. Ich wusste nur noch irgendetwas von viktorianischem London und Fantasy.
In anderen Worten: Ich erwartete höchstens, A Shadow Bright and Burning zu mögen. Stattdessen war ich umso überraschter, dass ich es liebte.
Die Liebe fängt schon bei Henrietta an. (Extra Liebe gibt's dafür, dass ihre Hautfarbe als "dunkel" beschrieben wird!) Cluess erzählt aus ihrer Perspektive in der ersten Person Präteritum und verleiht der Protagonistin eine richtige eigene "Stimme" - Henrietta ist keine dieser Auserwählten, die keinen Plan hat, was sie macht; sie ist keine, die ihre Kraft dann von einem Tag auf den anderen perfekt beherrscht; und zu guter Letzt ist sie keine typische graue Maus, die sich selbst schlechtredet. Kurzum: Sie ist eine der seltenen Young Adult-Protagonistinnen, die nicht alle Klischees absahnen. Im Gegenteil: Mit teilweise bissigen Antworten brachte sie mich oft zum Lachen, und ihr Dickkopf gemischt mit ihrem Humor war einfach herrlich erfrischend und brachte in die teils doch düstere Geschichte eine leichtere Note rein. Mein Highlight: Ganz trocken nennt sie ihren Stab, mit dem sie Magie wirkt, "Porridge".
Ebenfalls genoss ich, wie mit dem Thema "die Auserwählte" gespielt wurde. Durch geschickte Wendungen und Offenbarungen wechselte ich manchmal jede Seite meine Meinung über Henrietta. Ist sie nun die Auserwählte, oder nicht? Wer ist sie dann? Woher kommt sie? Wer waren ihre Eltern? Cluess schafft ein Mysterium nach dem anderen, und es war faszinierend. 
Aber auch die anderen Charaktere haben verdammt viel Spaß gemacht. Von Agrippa, der Zauberer, der Henrietta aufnimmt und als Art Vaterfigur fungiert, bis hin zu den Jungs, mit denen sie trainiert - ihr hattet ja keine Ahnung, wie skeptisch ich anfangs war. Die weibliche Protagonistin eingepfercht mit sechs Jungs im selben Alter? Sollten wir statt einem Liebesdreieck jetzt ein Liebesheptagon haben? Die Antwort ist natürlich nein, sonst hätte ich vermutlich schon längst aufgehört, das Buch in den Himmel zu loben. Denn die Jungs sind nicht nur alle gut ausgearbeitet und jeder eine Persönlichkeit für sich, sondern auch zumindest zu einem Großteil wenig an Henrietta interessiert. Zumindest in dem Sinne. Und selbst als die Romantik dann auftaucht, ist sie so dezent und irrelevant für den weiteren Verlauf des Buches, dass ich mich nur noch mehr in das Werk verliebte.
Doch zurück zu den sechs Jungs - zwei davon habe ich ganz besonders ins Herz geschlossen. Da ist zum einen Magnus, der noch mehr Sprüche raushaut als Henrietta und mich von seinem ersten Auftreten an konstant zum Lachen brachte.
"Over there," Magnus called, pointing to the front of a beautiful building, "is the Theatre Royal. I should take you for a show sometime. Have you ever been to the theatre, Miss Howel? Do they get much Shakespeare up in Yorkshire?" His smile was full of false innocence.
"No, but I can spot bad acting when it's right in front of me," I said. Magnus laughed so hard I feared he'd fall off his horse.
Und dann ist da Blackwood, der auf mich wie eine Variation von William Herondale von Cassandra Clares The Infernal Devices wirkte, rein von dem Aussehen und dem Verhalten her. Blackwood ist der reifste von den Jungen; er ist jung zum Earl ernannt worden und trägt die größte Verantwortung in der Gruppe der Lehrlinge. Gegen Ende des Buches erhält seine Schale erstmalig Risse - und ich bin gespannt, was da noch kommt.
Jetzt redet sie die ganze Zeit von den Charakteren, denkt ihr? Die Geschichte ist mindestens genauso cool. Zum einen hat Cluess ein London abgebildet, das vor meinen Augen lebendig geworden ist; ich lief durch die Gänge der Schule, in der Henrietta zu Beginn des Werkes unterrichtet, und zuletzt auch im Anwesen, wo sie zur Schülerin wird. Inmitten all diesem befindet sich die Magie - Jessica Cluess unterscheidet zwischen Hexen, Zauberern und Magiern (Witches/Sorcerers/Magicians im Original), die alle ihre eigenen Fähigkeiten haben. Die Zauberer bilden dabei die Elite der Gesellschaft; durch Ereignisse der Vergangenheit sind Hexen quasi ausgestorben, und die Magier sollen ihnen bald folgen, wenn man die entsprechenden Leute fragt.
"What exactly were the terms of the royal pardon for magicians?" I asked.
"In exchange for their lives, they would take no apprentices and perform no public magic," Blackwood replied. "When this generation of magicians dies, their magic will end in England forever. To break the pardon is to forfeit your life."
Gleichzeitig wird Cluess' England von sogenannten Ancients bedroht; sieben dämonenartige Wesen, die seit Urzeiten bestehen und jetzt versuchen, die englischen Städte Stück für Stück an sich zu reißen. Wir befinden uns von der ersten Seite an in einem Krieg - ein weiterer Aspekt, den ich originell fand und an dem Buch geliebt habe -, zu dem Henrietta dazukommt; sie ist kein Auslöser, und erst recht ist sie nicht die Lösung.
Ich könnte allerdings nicht das Buch rezensieren, ohne nicht auch Rook zu erwähnen - Henriettas bester Kindheitsfreund, der mit ihr in die Stadt reist und in dem Haus, in welchem sie trainiert wird, als Stallbursche engagiert wird. Als Rook klein war, wurde er von einem Ancient angegriffen und trägt seitdem Wunden, die nicht verheilen, und ihn sowohl körperlich als auch mental beeinflussen. Soweit ich das mitgekriegt habe, wird Rook von den meisten Rezipienten des Buches gemocht; ich persönlich konnte ihn nicht leiden. Warum? Ganz einfach: Er erinnerte mich - aus irgendeinem idiotischen Grund - total an Mal aus der Grischa-Trilogie. Genau, wie ich Alina und Mal zusammen nie verstanden habe, konnte ich auch Rooks und Henriettas Freundschaft nur bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Ich fand ihre Motive nobel, ihm zu helfen; gleichzeitig brachte er sie mehrmals in unmögliche Situationen, und ich wollte ihn einfach nur noch schütteln. Ich habe außerdem die Befürchtung, dass er in sie verliebt ist, klopfe jetzt aber einfach dreimal aufs Holz und hoffe, dass sich das nicht bewahrheitet.
Es gab noch ein paar weitere kleine Dinge, die ich fairerweise zur Kritik anbringen muss: Leider hat auch Henrietta ihre Momente, in denen sie sich blindlings in irgendwelche Situationen stürzt, in denen sie sich nicht befinden sollte. Man muss ihr allerdings zugutehalten, dass sie sich meistens selbst rettet/retten kann (und, wie bereits gesagt, ich habe sie voll und ganz ins Herz geschlossen). Außerdem gibt es eine Stelle, in der wir in Magnus einen Wandel sehen, den ich persönlich als zu abrupt und einfach rätselhaft empfand - das war aber zum Glück einmalig. Zuletzt finde ich, dass bei Cluess' Weltenbau noch Luft nach oben ist. Wir haben schon eine spannende Basis bekommen, auf die sie hoffentlich in den nächsten zwei Bänden aufbauen wird.
Denn letztendlich handelt es sich hier nicht nur um den Auftakt zu einer Trilogie, sondern noch dazu um Jessica Cluess' Debüt - und was für eins es ist. Vor allem ist es ihr gelungen, mich voll und ganz in die Geschichte zu ziehen und mich meine Umgebung vergessen zu lassen. A Shadow Bright and Burning war für mich ein grandioser Auftakt; ich habe mit den Charakteren gelacht, geweint, geflucht und fast jeden von ihnen ins Herz geschlossen.

Fazit
A Shadow Bright and Burning hat mich vollkommen begeistert. Jessica Cluess hat das viktorianische London als Schauplatz für eine faszinierende Magie und noch faszinierendere Charaktere gewählt. Das Buch ist definitiv etwas für Fans von Clares The Infernal Devices; aber auch Leute, die Lust auf ein ganz besonderes Urban Fantasy-Abenteuer mit originellen Charakteren haben, werden hier auf ihre Kosten kommen. Von mir gibt's eine klare Empfehlung!


A Shadow Bright and Burning ⚬ Hardcover: 416 Seiten ⚬ Random House ⚬ Trilogie-Auftakt ⚬ aktuell ca. 14€ ⚬ Kaufen?