Die Tribute von Panem: Fünf Jahre später

Der Post enthält Spoiler zu allen drei Bänden der Panem-Trilogie. Außerdem versuche ich zu keinem Zeitpunkt, einen neutralen Standpunkt einzunehmen – ich spreche ganz klar aus der Sichtweise eines Fans.

Zum ersten Mal habe ich Die Tribute von Panem: Tödliche Spiele am 12. März 2012 aufgeschlagen. Am 15. März folgte Gefährliche Liebe, Flammender Zorn las ich am 16. März. Nur eine Woche später erschien der Film; ich trug eine Mockingjay-Kette und Cinnas goldenen Eyeliner.
Ich glaube, es war Weihnachten 2014, als ich alle drei Bücher – 2012 hatte ich sie nur ausgeliehen – auf Englisch bekam. 2012 wiederholte sich: In einem Zeitraum von drei Tagen verschlang ich die Bücher ein weiteres Mal wie im Wahn, es schien mir unmöglich, aufzuhören, Tempo rauszunehmen. Die Filme sah ich im Kino, kaufte sie mir auf DVD, liebte sie fast genauso sehr wie die Bücher.
Letztes Jahr schaute ich sie mir noch einmal nacheinander an, ich musste es irgendwie ausnutzen, dass sie allesamt auf Amazon Prime waren. Und wieder wuchs er in mir heran, der Drang, diese Bücher noch einmal zu lesen, die ich in meinem Kopf über all die Jahre perfektioniert und romantisiert hatte, deren Protagonistin für mich zu einer unschlagbaren Heldin wurde. Mein Lesegeschmack hat sich in all der Zeit nicht drastisch verändert, sondern vielmehr an Reichweite gewonnen, mein Blick auf Bücher aber sehr wohl: Ich wollte – ich musste – herausfinden, ob mich Suzanne Collins wieder in den Bann ziehen konnte.
Kurzum: Sie konnte es. Es kostete mich vielleicht fünfzig, hundert Seiten, bis ich voll und ganz in The Hunger Games versunken war, und die letzten zwei Bücher, die ich 2017 las, waren Catching Fire und Mockingjay, Rücken an Rücken. Ich habe unzählige Stellen markiert, kleine Vorausdeutungen oder Lieblingsszenen, berührende Worte oder einfach Interaktionen meiner Lieblingscharaktere. Wenn das Fandom so groß ist, Bücher und Filme gleichermaßen beworben werden, dann gibt es immer eine Handvoll Zitate, die all das Scheinwerferlicht abkriegen, deshalb ist es eigentlich ein umso größeres Vergnügen, die kleinen Schätze zu entdecken, die man selbst schon vergessen hat.
Something happened when I was holding Rue's hand, watching the life drain out of her. Now I am determined to avenge her, to make her loss unforgettable, and I can only do that by winning and thereby making myself unforgettable.
Suzanne Collins – The Hunger Games


Aber ich wollte festmachen, weswegen ich die Bücher so sehr liebe. Weswegen ich beinahe verzweifele, wenn die Leute fragen, ob man Team Gale oder Team Peeta ist, nicht zuletzt, weil ich die Frage noch nie verstanden habe; weswegen Katniss über die Jahre zu mehr als einer Protagonistin, zu mehr als einer Heldin, zu solch einer Präsenz in meinem Hinterkopf wurde.
Eine erste Erleuchtung erhielt ich durch Samantha Shannon, deren Newsletter ich abonniert habe. Sie hat eine Rede gehalten, warum sie es nicht mag, wenn man von "starken weiblichen Charakteren" spricht, und diese in Textform in ihrem Newsletter versendet. Da der Text meines Erachtens nicht irgendwo sonst veröffentlicht ist, werde ich nichts zitieren, sondern nur kurz ihre Aussage zusammenfassen: Zuallererst ist es interessant, dass man immer nur die Stärke der weiblichen Charaktere ansprechen muss, sie bei männlichen aber als gegeben hinnimmt. Und zu sagen, dass ein weiblicher Charakter stark ist, wirft ihn in eine Kategorie und reduziert ihn auf dieses Merkmal. (Darüber hinaus stellt sich die Frage, was stark überhaupt bedeutet – körperlich stark? Mental? Wenn eine Protagonistin weint, ist sie dann nicht mehr stark? Aber über all diese Dinge könnte man einen extra Beitrag verfassen, daher muss dieser Exkurs für heute genügen.)
Das allein brachte mich schon zum Umdenken; mit Erschrecken stellte ich fest, dass ich den Begriff selbst oft verwendet hatte, mehr noch – dass ich ihn mit Stolz herumschrie, schaut her, dieses Buch hat eine starke Protagonistin und wird dadurch … tja, was?
In ihrem Essay widmet Shannon auch Katniss mehrere Paragraphen. Sie berichtet in der Hinsicht von einem Phänomen: dass Katniss zum Maßstab wurde, dass andere Charaktere – nicht zuletzt ihre eigenen – mit ihr verglichen wurden, mehr oder weniger gut abschnitten. Und auch hier gilt: diese Reduktion leugnet doch sämtliche anderen Facetten Katniss' Charakters.
Damit bin ich zurück bei meiner Ausgangsfrage: Warum verehre ich Katniss dermaßen? Weil sie ihre starken Augenblicke hat, sicherlich. Weil sie sich oft rücksichtslos verhält. Weil sie ihre schwachen Momente hat. Weil sie in Mockingjay von ihrem Trauma eingeholt und gelähmt wird. Weil sie nur mit Mühe wieder aufstehen kann, und selbst als sie es tut, kann sie noch längst nicht so performen, wie es der Rest der Welt von ihr erwartet.
They can pump whatever they want into my arm, but it takes more than that to keep a person going once she's lost the will to live.
Suzanne Collins – Catching Fire
Wegen all dem – und noch mehr – finde ich, dass Katniss eine grandiose Protagonistin ist. Nicht, weil sie es auf die Bestsellerlisten geschafft hat, nicht, weil ein riesiges Fandom um sie entstanden ist, das sie zu oft nur auf "Real or not real?" reduziert. Sondern weil sie gebrochen ist. Weil bei ihr nichts romantisiert wird, weil das Capitol zwar ihr Ohr richten und ihr neue Haut einsetzen kann, aber sie immer noch das Angebot von Finnick annimmt, sein Seil auszuleihen und Knoten zu machen, bis ihre Finger blutig sind. Weil sie vielleicht am Ende von Mockingjay den Hungerspielen für immer entkommen ist, aber nicht ihre Verluste vergessen oder gar verarbeiten kann. Katniss ist traumatisiert, trägt Unmengen an physischen und psychischen Narben … aber sie lebt noch. Sie macht weiter, irgendwie, nicht, wie sie es tun sollte, sondern so, wie sie gerade noch verkraften kann. Sie ist eine Überlebende – und das ist der Kernpunkt, warum ich sie nach all der Zeit so sehr schätze, mit Sicherheit noch mehr als damals in 2012.
Ich will nicht sagen, dass es falsch ist, wenn man das nicht sieht. Es gibt keine richtige Art und Weise, um etwas zu konsumieren, und wenn man diese Nuancen nicht erkennt – oder anders sieht –, dann ist das nicht falsch oder verwerflich. Ich will nur daran appellieren, wie schade ich es finde, dass Panem oft nur als die Dystopie verkauft wird, die eben den ganzen Hype ausgelöst hat, und, ach ja, Katniss hätte sich für Gale entscheiden müssen. Aber für mich ging es einfach nie darum, ob Katniss sich für Gale oder Peeta entscheidet, weil ich auch beim dritten Lesen der Bücher finde, dass Gale nie eine Option war, weil Gale und Katniss sich in den einen Aspekten zu ähnlich und in den anderen zu grundlegend verschieden sind. (Aber das muss man sich doch auch mal auf der Zunge zergehen lassen, oder? Dass Freundschaften nicht perfekt sein müssen, dass sie kaputt gehen können, dass es Differenzen gibt, die man nicht überwinden kann, auch das zeigt Collins.) Ich weiß nicht mal, inwiefern sie Peeta liebt, ob sie die Entscheidung in Catching Fire, ihn zu retten, nicht einfach so sehr verkörpert, dass sie es für Liebe hält – weil es eben diesen Teil von Katniss gibt, der Dinge mit schonungsloser Rationalität angeht, der nichts beschönigt. Oder vielleicht benötigt sie Peeta auch für sich selbst an ihrer Seite, weil er diese Eigenschaften besitzt, die sie glaubt, besitzen zu müssen – nichts von dem beantworten die Bücher explizit, und doch kann ich nach all der Zeit nicht umhin kommen, sie so zu lesen. Dieser Artikel geht noch etwas weiter und liest Katniss als aromantisch und asexuell.
"I thought he wanted it, anyway," I say.
"Not like this," Haymitch says. "He wanted it to be real."
Suzanne Collins – Catching Fire
Ich musste ebenfalls feststellen, wie sehr ich Haymitch doch ins Herz geschlossen habe. Ähnlich wie Katniss ist er eigentlich ein Charakter, den man nicht mögen kann, wie sie ist auch er ein Überlebender, mit dem Unterschied, dass er zum Alkohol greift, um sich zu betäuben. In den Filmen kommt sein Charakter fast noch besser zum Vorschein als in den Büchern, und auch bei ihm fällt mir schwer, zu beschreiben, was an ihm ich so sehr schätze. Er ist definitiv keine Vaterfigur für Katniss (das wäre höchstens – und selbst da lehne ich mich weit aus dem Fenster – Boggs), er ist kein Vorbild, man kann ihn vielleicht mehr als düsteres Omen lesen. Doch am Ende des Tages ist er die einzige Konstante in Katniss' Leben, die einzige Person, von der sie nicht verlassen wird. Und er ist der Einzige, der sie wirklich und wahrhaftig versteht – und damit vielleicht sogar der Einzige, der überhaupt zu ihr durchdringen kann.
"Do you want me to have them sedate you until it's over?" asks Haymitch. He's not joking. This is a man who spent his adult life at the bottom of a bottle, trying to anaesthetize himself against the Capitol's crimes.
Suzanne Collins – Mockingjay


Interessanterweise ist Mockingjay der auf Goodreads am schlechtesten bewertete Band. Bevor ich die Seite weggeklickt habe, habe ich ein paar Rezensionen gesehen, in denen kritisiert wurde, dass Katniss in dem Band zu schwach ist.
Mockingjay ist mein liebster Band, auch wenn ich allen drei fünf Sterne gegeben habe. Zum einen, weil er so wunderbar zeigt, dass Katniss am Ende ihrer Kräfte ist, weil er Grenzen aufzeigt, die nicht überschritten werden können – sollten – und doch überschritten werden. Aber zum anderen auch, weil er hochaktuell ist, weil Suzanne Collins einen Scharfsinn bewiesen hat, der mir immer wieder eine Gänsehaut beschert.
"Are you preparing for another war, Plutarch?" I ask.
"Oh, not now. Now we're in a sweet period where everyone agrees that our recent horrors should never be repeated," he says. "But collective thinking is usually short-lived. We're fickle, stupid beings with poor memories and a great gift for self-destruction. Although who knows? Maybe this will be it, Katniss."
"What?" I ask.
"The time it sticks. Maybe we are witnessing the evolution of the human race. Think about that."
Suzanne Collins – Mockingjay
Die Tribute von Panem möchten vielleicht den Dystopien-Hype losgetreten haben; Katniss mag vielleicht als Maßstab angesetzt werden, #TeamPeeta und #TeamGale mögen vielleicht T-Shirts zieren, aber all diese Aspekte reduzieren die Trilogie letztlich auf ihr Genre, auf eine Charaktereigenschaft der Protagonistin oder auf einen Subplot. Dabei sind diese Bücher so viel mehr als das – und ich werde vermutlich noch lange von der Komplexität beeindruckt sein, die in diesen 301583 Wörtern steckt.

Kommentare

  1. Was für ein toller Post zu dem Thema! Ich stimme dir total zu, was Katniss auch geht, und auch, was die Problematik des Begriffes "starke Protagonistin" betrifft. Gerade Katniss hatte ich immer als Verkörperung genau dieser Problematik im Kopf - jetzt wo du es sagst, fällt mir aber auch auf, dass sie das eigentlich gerade nicht ist, sondern viel, viel komplexer. Es ist einfach zu lange her, dass ich die Bücher gelesen habe, ich habe die Nuancen glaube ich gar nicht mehr richtig Erinnerung.
    Ich habe tatsächlich erst gestern überlegt, ob ich die Reihe nicht gerne nochmal lesen würde, und habe mich dann dagegen entschieden, aus Angst, sie könnte mir vielleicht nicht mehr so gut gefallen wie als Teenager. Nach deinem Post möchte ich es jetzt aber glaube ich doch nochmal wagen! :)

    Viele Grüße,
    Sarah

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    1. Liebe Sarah,

      freut mich, dass der Beitrag dir gefallen hat!

      Die Befürchtung, dass dir die Bücher nicht mehr so gut gefallen würden wie damals kann ich nachvollziehen – gleichzeitig ist es eine Gelegenheit, eine neue Perspektive einzunehmen, und ich persönlich liebe es, zu sehen, wie sich meine Sichtweise über die Zeit verändert hat. (Aber ich habe definitiv auch ein paar Kindheitsbücher, die ich nicht mehr anrühren würde, weil sie mir unmöglich jetzt so viel bedeuten können wie damals.) Wenn du es wagst, wünsche ich dir viel Vergnügen!

      Alles Liebe
      Isabella

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  2. Hey, mir hat dein Post sehr gut gefallen. Ich glaube, ich mochte den dritten Band auch am wenigsten (fand ihn jedoch immer noch gut), weil er mich noch stärker runtergezogen hat. Aber jetzt, wo ich darüber nachdenke, muss ich dir auf jeden Fall Recht geben. Es ist realistisch, dass Katniss psychische Narben davonträgt und trotzdem immer weiter macht und vor allem sehr facettenreich ist. Mir war gar nicht so klar, was es bedeutet, eine Person als 'stark' zu betiteln. Wo ich allerdings von Anfang an deiner Meinung war: Für mich gab es auch nie das Team Peeta oder Gale. Ich wollte einfach, dass sie glücklich werden kann.
    Mir wird allerdings auch klar, dass es noch einige andere Bücher gibt, die auf ihr Genre oder etwas anderes reduziert werden.
    Danke für den tollen Post. :)
    ~ Svenja

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    1. Liebe Svenja,

      dankeschön :) Und vor allem danke für deine Perspektive – ich kann verstehen, dass der dritte Band durchaus belastend sein kann (und hätte ihn zu einem anderen Zeitpunkt definitiv ähnlich empfunden), obwohl es natürlich Katniss' Realität ist.

      Ich habe mich auch erst vor kurzem mit dem Begriff "stark" auseinandergesetzt und will da auch sicher keine allgemeingültige Definition vorschlagen, aber ich fände es einfach schön, wenn die Bezeichnung etwas bewusster eingesetzt wird. :)

      Und da hast du absolut recht! Gerade, wenn Verfilmungen existieren oder die Bücher einfach unglaublich erfolgreich sind, scheint man sich nur noch auf einen bestimmten Aspekt zu konzentrieren bzw. diesen zu kommerzialisieren. Das gehört vermutlich (leider) dazu.

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar!

      Alles Liebe
      Isabella

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  3. Wow, ein toller Beitrag! Ich muss sagen, dass ich nur den ersten Band der Reihe gelesen habe. Den zweiten habe ich angefangen, aber irgendwie war es mir zu langweilig. Aber nach deinem Post habe ich richtig Lust, es doch noch einmal zu versuchen. Die Filme haben mir auch immer gut gefallen, aber ich weiß gar nicht mehr genau, wie es endet. Ich denke, ich werde mir die Bücher für dieses Jahr mal vornehmen.

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    1. Dankeschön! :) Du hast recht, der Anfang des zweiten Bandes ist ziemlich … ausführlich – das kann schnell abschrecken. Falls du es noch mal versuchst, wünsche ich dir viel Freude mit den Büchern!

      Alles Liebe
      Isabella

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  4. Hi Isabella,
    ein sehr schöner und reflektierter Artikel! Ich teile deine Ansichten über Katniss, sie ist deshalb so interessant, weil sie Selbstzweifel und Schwächen hat, und nicht, weil man sie als "stark" bezeichnen kann. Für eine Frauenfigur darf sie sehr rücksichtslos sein, was ich Frau Collins hoch anrechne, denn meistens sind Protagonistinnen entweder lieb und passiv oder eben rücksichtslos, weil sie die Intrigantinnen sind. Katniss ist nichts davon und trotzdem keine Klischee-hafte Badass-Tussi wie Tomb Raider oder Ähnliches.
    Lustigerweise hat mich die Hunger Games-Reihe beim ersten Lesen nur wenig gepackt, dann aber beim zweiten Lesen etwa drei Jahre später konnte ich nicht aufhören! Vielleicht hab ich die Komplexität von Katniss erst da verstanden...
    Wenn du magst, lies meinen Artikel zu "starken" Frauenfiguren: https://ant1heldin.de/frauenfiguren-starke-frauenfiguren-jessica-jones-ferrante
    LG, Sabine

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    1. Liebe Sabine,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Du hast absolut recht, dass viele andere Protagonistinnen grundsätzlich lieb und/oder unauffällig sind, sodass Katniss auch in dieser Hinsicht eine Sonderrolle einnimmt. Danke für die tolle Ergänzung!

      Dass deine Perspektive sich verändert hat, kann ich gut verstehen. Ich habe die Bücher beim ersten Lesen zwar schon gemocht, aber vielmehr wegen der Spannung und nicht wegen der Qualitäten, die ich an der Trilogie jetzt schätze. Aber es ist doch schön, wie sich Sichtweisen weiterentwickeln können.

      Deinen Artikel schau ich mir gleich an!

      Alles Liebe
      Isabella

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  5. Wow ein wirklich toller Beitrag, der sehr gut widerspiegelt wie ich selbst das ganze Empfinde :)

    Für mich war tatsächlich Gale spätestens nach dem zweiten Band auch absolut keine Option mehr für Katniss. Er konnte ihr nicht die Sicherheit uns Ruhe bieten, die sie gesucht hat. Er wollte kämpfen und sie mitreißen und hat nicht erkennen können wir psychisch kaputt Katniss geworden ist.
    Ich denke auch, dass sie eher aus einem egoistischen Grund Peeta wollte. Anfangs nur zum Überleben und irgendwann um etwas zu haben, an dem sich ihr Verstand klammern konnte. Etwas um nicht vollkommen durch zudrehen. Sie hat Peeta zu ihrem Rettungsseil gemacht, hat ihn in ihrem Kopf so lange idealisiert bis sie überzeugt war ohne ihn könne sie nicht Leben.
    Deswegen wird Katniss für mich auch immer eine sehr wichtige Figur sein. Weil sie nicht "stark" war. Weil sie zerbrochen ist, weil das Trauma zu tief sitzt und sie nie wieder normal Leben kann. Und trotzdem irgendwie nie vollkommen aufgegeben hat. Das macht sie für mich zu einem Vorbild.

    Liebste Grüße,
    Jenny

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    1. Liebe Jenny,

      vielen Dank! <3 Freut mich, dass du dich in dem Beitrag wiederfinden konntest.

      Was deine Beobachtungen bezüglich Gale betrifft, kann ich dir nur zustimmen! Zwar hat er gewisse Eigenschaften mit Katniss – wie ihre Rücksichtslosigkeit – gemeinsam, doch diese sind bei ihm ums Vielfache gesteigert. Die Entscheidungen, die er besonders im dritten Band trifft, erschüttern Katniss zutiefst und rauben ihr eben das letzte bisschen Sicherheit, das sie immer in ihrem besten Freund gefunden hatte. Dass sie sich da an Peeta klammert, ist verständlich: Zum Ende der Trilogie ist er ja tatsächlich der einzige (halbwegs) zurechnungsfähige Überlebende.

      Und auch in deinem letzten Punkt bin ich ganz bei dir: Katniss ist definitiv ein Charakter, der mich noch lange Zeit beeindrucken wird. Die Resilienz, die sie beweist, ist ganz großartig.

      Alles Liebe
      Isabella

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  6. Liebe Isabella,

    Du hast mit diesem Beitrag meine Liebe zu der Reihe wunderbar in Worte gefasst. Wobei ich eigentlich nicht von „Liebe“ sprechen sollte, weil dies ja impliziert, dass ich es toll finde, was da passiert. Das ist es nicht, aber die Realität ist so wunderbar zusammengefasst worden, dass es mich immer wieder erstaunt. Wenn ich Bilder aus Afghanistan und dem Irak sehe, frage ich mich immer, wie wir noch von Dystopien reden können = düsteren Zukunftsversionen. Für so viele Menschen ist es schon Realität und geworden und dann gibt es immer noch Idioten die Flüchtlingen kein Asyl anbieten möchten. Aber das hier soll nicht zu politisch werden. Es ist auf jeden Fall schon viel zu lange her, dass ich die Reihe gelesen habe, obwohl sie schon seit ein paar Monaten wieder in meinem Regal steht. Übrigens in genau derselben Ausgabe, wie bei dir.
    Als mein Paps die Bücher damals mit mir gelesen hat, sagte er mal zu mir, dass ich das, was Katniss tut, auch könnte, sollte ich müssen. Damals habe ich es als Kompliment aufgefasst. Heute erschreckt es mich. Obwohl ich nicht bezweifle, dass ich mich anstelle meiner kleinen Schwester melden würde.

    Bevor ich hier jetzt noch zu sentimental werde ... Danke, für diesen Beitrag.

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    1. Liebe Friederike,

      ach, für Sentimentalität bin ich immer zu haben. <3 Sehr, sehr gerne.

      Du hast absolut recht, es ist schon eine erschreckende Realität. Es ist mir auch zu oft unbegreiflich, warum manchen Menschen dieses Grundverständnis fehlt, wie sie Flüchtlinge ablehnen oder Religionen über einen Kamm scheren oder Sexualitäten auf Klischees reduzieren können und Kritik an ihnen abprallt – also, ja, ich bin da bei dir.

      Ich kann dir natürlich nicht sagen, wie dein Vater das gemeint hat – aber Katniss hat ja durchaus ehrenwerte Eigenschaften (und Motive), und ich denke, in einer ähnlichen Situation würden wir alle mit Händen und Füßen um unser Überleben kämpfen. (Hoffen wir nur, dass es nicht dazu kommt.)

      Hab noch einen schönen Abend!
      Isabella

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  7. Ein wundervoller Beitrag! Ich habe nur den ersten Band gelesen und war vom Film dann so masslos enttäuscht, dass ich die anderen Bücher nicht mehr lesen wollte. Inzwischen bin ich gespoilert und habe keine Lust mehr die Bücher zu lesen. Allerdings kann ich dich und deine Gefühle für die Reihe gut verstehen. Du bringst deine Gedanken wundervoll zum Ausdruck <3
    Liebste Grüsse
    Julia

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    1. Danke, liebe Julia <3 Verständlich – die Reihe ist ja ähnlich wie Harry Potter so populär, dass sich da niemand wirklich mehr Gedanken darüber macht, dass nicht unbedingt jeder mit den Inhalten vertraut ist. Eigentlich echt schade. :/

      Alles Liebe
      Isabella

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  8. Hey Isabella :)

    Was für ein toller Beitrag! Ich war nach den Kommentaren auf Twitter schon ganz gespannt, was mich erwartet und kann mich den anderen vor mir jetzt auch nur anschließen.

    An sich finde ich es auch immer ganz großartig, eine Buchreihe nach langer Zeit noch einmal zu lesen. Besonders, wenn es eine der liebsten ist und sie einen dann auch immer noch begeistern kann—auch wenn sich die Sichtweise auf vieles mit der Zeit vielleicht verändert hat. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war ich bei der "starken Protagonistin" früher ganz genauso wie du, aber die #TeamPeeta und #TeamGale Geschichte habe ich auch nie verstanden. Das ergibt einfach auch inhaltlich überhaupt keinen Sinn.

    Liebe Grüße :)
    Aileen

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    1. Liebe Aileen,

      vielen lieben Dank <3 Freut mich ungemein, dass du das Ganze nachempfinden kannst. Und ja, du hast recht, diese Rereads sind unbezahlbar. Weil sich da irgendwie die Erinnerungen, die man in der Vergangenheit mit den Büchern verbunden hat, mit der neuen Leseerfahrung überschneiden – das ist schon ziemlich cool.

      Eben! "Inhaltlich" trifft es perfekt – es macht nicht einmal Sinn, dass Katniss, deren Leben drei Bücher lang bedroht ist, sich wirklich und wahrhaftig den Kopf zerbricht, ob sie jetzt einen Typen oder den anderen wählen soll. Schon schräg, wie man das kommerzialisiert hat.

      Alles Liebe
      Isabella

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  9. So, jetzt komme ich auch endlich mal dazu, hier zu kommentieren!
    Ich kann dir in sämtlichen Punkte nur zustimmen - die Bücher sind einfach grandios und haben so viele wichtige Botschaften!
    Beim ersten Lesen vor so vielen Jahren war Band 3 für mich das schlechteste Buch der Reihe, aber jetzt liebe ich ihn abgöttisch! Gerade die Sache mit Katniss als starker oder schwacher Protagonistin macht den Abschluss der Trilogie für mich zu etwas Besonderem - Katniss ist traumatisiert und völlig am Ende; sie macht eben nicht "einfach weiter", sondern zerbricht fast an ihren Erlebnissen und Verlusten. So etwas findet sich einfach viel zu selten in Büchern und das ist unglaublich schade, denn im wahren Leben wird eben auch nicht immer alles gut.

    (Das ist übrigens auch einer der Punkte, weswegen ich die "Six of Crows"-Bücher so vergöttere. Da wird auch nicht einfach nur mit den Fingern geschnippt und zack, alle traumatischen Erlebnisse sind weg. Ach man, so viel Liebe für diese Reihe! :D)

    Die Diskussion um Peeta oder Gale war für mich auch immer ziemlich unnötig, denn es geht um Katniss und wie sie sich im Laufe der Trilogie verändert. Dass sie dann am Ende bei Peeta landet, ist irgendwie nur eine logische Konsequenz. Die Theorie, dass Katniss möglicherweise aromantisch oder asexuell ist, kannte ich noch gar nicht, finde ich aber auch sehr spannend und interessant!

    Und ja, Haymitch - der Kerl verdient einfach eine riesengroße Umarmung. Die Dynamik zwischen ihm und Katniss ist klasse und ohne ihn hätte der ganzen Handlung definitiv ein essentieller Teil gefehlt.

    Okay, eigentlich gibt es noch so viel zu sagen, aber ich fürchte, dass mein Kommentar jetzt eh schon total wirr und durcheinander ist, also höre ich lieber mal auf und hoffe, dass du irgendwas davon verstehst :D

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    1. Ach Mara, ich freue mich immer über deine (langen) Kommentare! :D

      Genau das ist der springende Punkt. Es würde einfach gar keinen Sinn machen, wenn Katniss nach all dem mir nichts dir nichts weitermachen könnte – man kann einen Menschen nicht zum Äußersten bringen und ihn dann fröhlich weiterspazieren sehen.

      Und ja, ja, JA zu Six of Crows! Das sieht man da so gut bei Kaz und Inej – ich habe da ernsthaft enttäuschte Fanmeinungen gelesen, dass sie sich hätten küssen sollen, aber das hätte einfach das Trauma der beiden vollkommen außen vor gelassen. Bardugos Umgang mit der Thematik ist unglaublich grandios.

      "Die Diskussion um Peeta oder Gale war für mich auch immer ziemlich unnötig, denn es geht um Katniss und wie sie sich im Laufe der Trilogie verändert." Danke. Das möchte ich dick und fett unterstreichen. Selbstlose Protagonist*innen sind ja schön und gut und Katniss mag sich zwar für Prim aufopfern, aber sie zieht da ganz klar Grenzen bei anderen. Man merkt auch beim Lesen, dass sie sich sehr ausgiebig mit sich selbst und ihrer Situation beschäftigt, nur begrenzt bei anderen. Ich finde die Lesart auch unglaublich spannend und habe mich da mittlerweile durch einige Diskussionen gelesen, weil man wirklich zahlreiche Textstellen in die Richtung interpretieren kann.

      Und Haymitch, hach <3 Ja, der macht wirklich unglaublich viel aus. Ich liebe alle Szenen, in denen er und Katniss aufeinandertreffen, weil sie einerseits überhaupt nicht miteinander klarkommen, andererseits auch die einzigen sind, die den jeweils anderen verstehen. Das ist alles schon unglaublich komplex und grandios gemacht.

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  10. Huhu!

    Ich weiß noch: als ich den ersten Band von "Hunger Games" das erste Mal in der Hand hielt, war ich mir des Hypes entweder nicht bewusst, oder er war noch gar nicht richtig losgegangen. Auf deutsch war das Buch jedenfalls noch nicht erhältlich. Aber der Klappentext sprach mich direkt an, und ich wusste: dieses Buch muss ich lesen.

    Da hatte ich meinen Buchblog noch gar nicht, deswegen habe ich nie Rezensionen zu den Büchern geschrieben, aber ich habe sie alle drei verschlungen, sobald sie erschienen waren.

    Wenn ich in meinen Rezensionen von einem starken weiblichen Charakter spreche, dann meine ich damit eigentlich nicht, dass es etwas wahnsinnig Ungewöhnliches ist, dass auch eine Frau stark sein kann – sondern eher, dass weibliche Charaktere leider nicht in allen Büchern stark geschrieben werden und es daher eine Erwähnung wert ist. :-)

    Das Ende der Trilogie fand ich bemerkenswert, weil es so selten ist, dass Charaktere, die durch Himmel und Hölle gegangen sind, dabei auch mentale Wunden davontragen dürfen, die sie nicht so eben ablegen können. Ehrlich, wenn ich mir die meisten Dystopien so anschaue, müssten viel mehr Charaktere an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Ich stimme dir da ganz zu: das gehört zu dem, was Katniss so besonders macht.

    Für mich war Gale auch nie eine Option, und wie du konnte ich dennoch nie nachvollziehen, warum diese ganze Team-Geschichte so wichtig sein soll.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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