Samstag, 12. August 2017

Rereads: ein doppeltes Lesevergnügen

Heute möchte ich einmal ein Thema ansprechen, das mir schon seit ein paar Wochen im Kopf herumgeht, seitdem ich dazu einen tollen Beitrag bei Stopfi's Bücherwelten gelesen habe – Rereads. Genauer gesagt, warum ich ein großer Verfechter davon bin, Bücher ein zweites (drittes, viertes...) Mal zu lesen.


Mir ist schon öfters die Aussage begegnet, dass man "keine Zeit" hat, Bücher ein zweites Mal zu lesen. Weil es zu viele Neuerscheinungen gibt. Weil der SuB davon nicht kleiner wird. Und natürlich stimmt das, und natürlich ist es schön, mit dem Lesestoff up to date zu sein – aber dabei lässt man doch ein wenig die emotionale, vielleicht sogar melancholische Komponente des Lesens unter den Tisch fallen, oder?

Cornelia Funke beschreibt es ganz richtig in Tintenherz:
"Wenn du ein Buch auf eine Reise mitnimmst, […] dann geschieht etwas Seltsames: Das Buch wird anfangen, deine Erinnerungen zu sammeln. Du wirst es später nur aufschlagen müssen und schon wirst du wieder dort sein, wo du zuerst darin gelesen hast."
(Tintenherz, Cornelia Funke, Dressler Verlag)
Ich lese natürlich keine Bücher ein zweites Mal, die ich beim ersten Mal schon nicht ausstehen konnte. Aber City of Bones, das mein Lesefieber erst so richtig entfacht hat? Oder der Klassiker, Harry Potter, der meine Kindheit wie nichts anderes geprägt hat? Noch einmal (und noch einmal) in diesen Geschichten zu versinken, ist doch letztendlich ein Geschenk, das ich mir selbst mache. Und ich fände es schade, wenn man die Lust auf etwas Altvertrautes unterdrücken würde, nur, weil man fürchtet, wegen dem Blog in den Verzug zu kommen, oder unbedingt die Neuerscheinung lesen "muss", damit man mit dem Trend mithalten kann. Das wirklich Einzige, was bei mir jemals Lesevorrang hat, sind Rezensionsexemplare, und die nehme ich ja bewusst an.

Darüber hinaus finde ich, dass man beim Rereaden nicht nur alte Erinnerungen besucht, sondern auch einiges über sich selbst lernt. Habe ich mit zehn Jahren gedacht, dass Harry Potter und der Orden des Phönix sich ganz schön zieht, hat es mir mit achtzehn unglaublich gut gefallen, weil ich Harrys inneren Kampf viel besser nachvollziehen konnte.


Vor allem entdeckt man immer wieder neue Details. The Hate U Give hat mich dermaßen umgehauen, dass ich es in einem Zeitraum von vier Wochen dreimal gelesen habe, zweimal direkt hintereinander. Und bei jedem Lesen ist mir eine andere Passage aufgefallen, die mich besonders bewegt hat, oder ein Detail, das mir vorher entgangen ist.

Es gibt auch noch zwei sehr rationale Gründe für mehr Rereads: Zuallererst gebe ich ja Geld für das Buch aus, dann kann ich es auch ruhig mehrmals lesen, damit es sich richtig "lohnt". 😎 Außerdem ist es gerade bei Reihenfortsetzungen hilfreich, den/die Vorgänger ein zweites Mal zu lesen. (Oder bin ich die Einzige, die ein Gedächtnis wie ein Sieb hat?) Natürlich kostet das Zeit, aber dafür ist eine bessere Leseerfahrung bei der Fortsetzung garantiert, weil man sich nicht alle zwei Minuten darüber wundert, wer noch einmal der komische Typ war und warum die Protagonistin humpelt (so ungefähr).

Aber was, wenn es mir nicht mehr so gut gefällt wie damals? Auch die Befürchtung habe ich öfters gelesen. Ganz im Ernst: dass man auch als Leser wächst, gehört zum Leben dazu. Zumindest nehme ich das Risiko bereitwillig in Kauf, ganz besonders, seitdem ich festgestellt habe, dass ich an meinem kritischen Lesen arbeiten muss. Natürlich fühlte es sich irgendwie seltsam an, A Court of Thorns and Roses beim zweiten Lesen von fünf auf drei Sterne herunterzustufen… aber hauptsächlich hatte ich das Gefühl, das (für mich!) Richtige zu tun.

Das Gegenteil habe ich übrigens auch schon öfters beachtet, zuletzt bei Julia und Anna, die ich hier an der Stelle ganz dreist als Beispiele benutze. (Sorry, ihr zwei! ;)) Bei beiden habe ich mitgekriegt, wie sie die Harry Potter-Bücher zum ersten Mal lasen. Und gerade heute bin ich darüber gestolpert, dass Anna dem dritten Band vier Sterne verpasst hat, und Julia dem Reihenabschluss "nur" drei. Was für mich total surreal ist, weil die HP-Bücher in meinem Kopf so einen Sonderstatus einnehmen, dass ich mir lieber ein Bein absägen würde als irgendeinem Werk von J.K. Rowling etwas anderes als fünf Sterne zu geben. Harry Potter ist quasi meine Achillesferse, hat mich in der Kindheit so geprägt, dass ich die Bücher auch beim erneuten Lesen als unberührbar betrachte. Ich setze noch einmal eins drauf: Vermutlich sind Julia und Anna in der Lage, die Bücher rationaler zu beurteilen, weil sie schlichtweg nur den Hype kannten und nicht ihre Kindheit damit füllten. Ich weiß, ich weiß, das hat nur noch begrenzt mit Rereads zu tun… aber mich hat diese Beobachtung unglaublich fasziniert.

Am Ende des Tages gilt dasselbe wie immer: Tu das, was dir gefällt. Ich will hier niemanden von Rereads überzeugen, und erst recht will ich nicht das Leseverhalten von irgendjemandem kritisieren. Ihr mögt keine Rereads? Cool. Ihr verbringt 98% eures Lebens damit, eure Lieblingsbücher noch mal zu lesen? Genauso cool. Es hat mich nur gereizt, darüber zu schreiben, weil Rereads für mich etwas ganz Besonderes sind, und ich die emotionale Komponente in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren und in letzter Zeit wieder für mich entdeckt habe.

Jetzt ist der Beitrag (natürlich) mal wieder etwas explodiert, und wenn ihr es bis zum Ende geschafft habt, verneige ich mich vor euch. Verratet mir: Wie steht ihr zu Rereads? Habt ihr vielleicht ähnliche Beobachtungen wie ich gemacht?

Kommentare:

  1. Hallo Isabella!

    Ja, die re-reads. Ich hab mir das schon immer vorgenommen und mir auch eine Liste gemacht, welche Bücher dafür in Frage kämen.
    Bücher, die ich schon vor sehr sehr langer Zeit gelesen hab, also über 10 oder sogar 15 Jahre, aber irgendwie hab ich s immer vor mir hergeschoben.

    Für 2017 hab ich mir dann auf dem Blog eine kleine Revival Challenge erstellt, so als kleinen Anreiz für mich: und jetzt klappt es! Ich hab jeden Monat zumindest 1 oder 2 re-reads gelesen, und sie waren noch genauso phantastisch wie früher :D

    Liebste Grüße, Aleshanee

    (Hab deinen Beitrag auch mal auf FB geteilt ;) )

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    1. Liebe Aleshanee,

      Die Challenge klingt klasse, was für eine tolle Idee! Umso besser, dass die Umsetzung ebenfalls erfolgreich war. Und es freut mich, dass dir die Bücher genauso gut gefallen haben, die Erfahrung habe ich bisher auch (fast immer) gemacht. :)

      Hab einen schönen Sonntag!
      Isabella

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  2. Hey Isabella!
    Da liegst du mit deiner Beobachtung genau richtig :D Ich habe den Hype zwar den Hype um Harry Potter mitgekriegt, aber genau der hat mich abgehalten die Bücher zu lesen. Ich verbinde nicht die Kindheitserinnerung damit, die du mit der Reihe verbindest. Für mich ist es einfach eine weitere Buchreihe, die ich sehr mochte :) Beim letzten Band gab es viele Dinge, die mich gestörr haben, deshalb "nur" 3 Sterne. Obwphl es eigentlich 3.5 sind, aber Goodreads will ja nichts von halben Sternen wissen :D
    Liebe Grüsse
    Julia

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    1. Liebe Julia,

      Schön zu hören, dass ich gut kombiniert habe :P Aber ich wusste gar nicht, dass du HP wegen dem Hype fast nicht gelesen hast – kann es aber irgendwie verstehen. In ein paar Jahrzehnten werden die Bücher wohl die neuen Klassiker sein. :D Aber es freut mich, dass dir die Reihe insgesamt gefallen hat <3
      … und jetzt, wo Goodreads bereits eine Reread-Funktion hat, hoffe ich darauf, dass die halben Sterne bald folgen werden! :D Die vermisse ich nämlich wirklich auch. (Ein halber Stern macht so einen Unterschied!)

      Alles Liebe,
      Isabella

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  3. Rereads! Natürlich. Liebend gern. Vor allem in stressigen Phase (Prüfungsphasen, *hust*, hat jemand was gesagt? CHRMN) bekomm ich ständig Lust, Sachen zu rereaden. Und tu's dann auch, denn klar, mein SUB wächst, aber ich lese ja nicht, um ein Kästchen abzuhaken, sondern damit mir eine Geschichte etwas gibt und wenn ich weiß, dass Geschichte ABC mir etwas geben kann, das ich in dem Moment brauche, ich wär doch doof, das Angebot auszuschlagen. ♥

    Und man, hab ich jetzt Bock Tintenherz zu rereaden...

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    1. Besser kann man es nicht in Worte fassen <3 Rereads haben einfach so einen Komfortfaktor, das ist unglaublich!

      ... und witzig, dass du das schreibst. :D Als ich das Zitat rausgesucht habe, wollte ich (nach ungefähr neun Jahren) "nur mal kurz" reinlesen, und habe fast das erste Kapitel verschlungen, ups. :D Ellen organisiert tatsächlich eine Leserunde für Tintenherz im September, vielleicht magst du ja mitmachen, ich freu mich auf jeden Fall schon drauf. :) Die Bücher sind doch pure Kindheit, oder? <3

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  4. Huhu :)
    Ich weiß zu gut was du mit Harry Potter meinst, für viele ist es eine Kindheitserinnerung. Für mich leider nicht. Ich quäle mich förmlich durch die HP-Bücher, nur weil ich sie unbedingt gelesen haben will. Dabei gefallen sie mir nicht so gut. Die Filme sind toll und die Welt dahinter auch, aber wenn man mit den Filmen aufgewachsen ist, sind die Bücher leider nicht so mein Ding :/
    Ich rereade aber auch keine Bücher. Es sind viel zu viele auf meiner Wunschliste. Da bleibt kaum Zeit für alte Bücher. Eigentlich sehr schade :/ Da muss sich echt mal was ändern!

    Liebste Grüße
    Denise ♥

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    1. Liebe Denise,

      Wow, das… tut mir leid, irgendwie? :D Weil Harry Potter für mich das Maximum an Komfort ist. Vermutlich haben dafür andere Bücher deine Kindheit geprägt. :) Aber es freut mich, dass dir immerhin die Filme gefallen, die fangen zumindest die Atmosphäre echt gut ein!

      Ja, manchmal ist das Schreien der Wunschliste wirklich lauter! :D Aber ich sage mir immer, dass ich, wenn ich schon fünf, sechs, sieben Bücher im Monat lese, auch ruhig ein Reread darunter sein kann. Das macht zumindest für mich – emotional – den Unterschied.

      Hab einen schönen Sonntag!
      Isabella

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  5. Sehr schöner Beitrag!
    Ich muss sagen, dass ich mir auch sehr selten Zeit für Rereads nehme, weil es noch so viele andere Bücher gibt, die ich lesen möchte, deren Geschichte ich noch nicht kenne. Da haben sie leider zu oft Vorrang zu denen, bei denen ich mir seit Jahren denke "eigentlich will ich das dringend noch mal lesen." Bald werde ich mir dafür aber mal bewusst Zeit nehmen. Zum Beispiel wartet Harry Potter 5 auf mich, den ich auch mit 10-12 das erste und bisher einzige Mal gelesen habe und ich bin auch sehr gespannt, wie er mir gefallen wird. Wobei ich von meiner Meinung gar nicht mehr so viel weiß, sondern nur noch, dass ich mehrere Monate jeden Tag lesen musste, bis ich endlich fertig war :D
    Vor einer geänderten Meinung habe ich bei anderen Büchern auch etwas Angst ("Seelen"), aber gerade das ist auch der Grund, weshalb ich sie rereaden möchte. Dann weiß ich wenigstens, ob ich sie immer noch guten Gewissens weiteremepfehlen würde oder nicht.
    Bei Harry Potter ist das ja wirklich auffällig, dass die, die damit aufgewachsen sind, quasi kein schlechtes Wort darüber verlieren können. Ich muss ja sagen, dass ich als Kind von 1-4 nur die Filme gesehen und die Bücher erst in den letzten Jahren nachgeholt habe, darum stecke ich irgendwo zwischen den beiden Kategorien :D Meinen Komfort würde ich also eher in den Verfilmungen finden als in den Büchern.

    Liebe Grüße!

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    1. Liebe Jacquy,

      Kann ich absolut verstehen! Je nachdem, welche Bücher man noch sonst so herumliegen hat, will man lieber denen eine erste Chance geben als anderen eine zweite. :D
      Was "Seelen" anbetrifft, kann ich dich sehr gut verstehen. Ich habe das Buch nie gelesen, aber ich weiß, welches Gefühl du meinst – und finde es klasse, dass genau diese Sorge dich sogar dazu antreibt, das Buch noch einmal zu lesen. Es ist doch eigentlich schön, zu sehen, wie man an seinen Meinungen wächst :)
      Ich finde dieses Harry Potter-Phänomen so, so, so spannend! :D Und danke, dass du deine Erfahrungen geteilt hast – ich kann mir das mit den Filmen gut vorstellen, weil sie gerade die Atmosphäre wirklich gut einfangen.

      Alles Liebe,
      Isabella

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  6. Hallo liebe Isabella,

    ich glaube, das Schönste am Re-Readen ist wirklich, in die vertraute Welt zurückzukehren. Gerade, wenn das ein Buch ist, das man früher oder oft gelesen hat, kann das ein bisschen so sein, wie nach Hause kommen. Und wenn ich die Charaktere und die Handlung geliebt habe, warum sollte ich nicht zu ihnen zurückkehren dürfen?
    Mal abgesehen davon, dass man sich vorher relativ sichern sein kann, dass man das Buch mögen wird. ;)

    Gleichzeitig fallen mir aber auch beim x-ten Lesen oft noch Details auf, die mir vorher entgangen sind. Gerade, wenn falsche oder versteckte Spuren gelegt wurden und die Wendungen überraschend sind, fallen einem Hinweise oder wahre Identitäten zwangsläufig erst beim zweiten Lesen wirklich auf ("oh, hier hätte man schon erahnen können, dass er ein Verräter ist"). Und gerade bei sehr temporeichen Büchern nimmt man vielleicht manche Details gar nicht so bewusst wahr.
    Dazu kommt eigene Lebenserfahrung, die auch so ein bisschen die Sicht auf die Dinge verändern kann, so wie bei dir bei Harry Potter.

    Und du bist definitiv nicht die einzige mit einem Gedächtnis wie einem Sieb, ich les immer häufiger Vorgänger vor dem Lesen der Fortsetzung nochmal, weil ich keinen Plan mehr von den Details habe und außerdem dann gleich viel besser in der Story bin.

    Was die Möglichkeit angeht, dass man das Buch nicht mehr mögen würde ... Gerade bei absoluten Lieblingsbüchern von früher habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sie immer irgendwie mögen wird, egal, was für Kritikpunkte man entdeckt. Schlicht und ergreifend wegen des emotionalen Wertes, den das Buch für einen hat. Klar sind mir beim erneuten Lesen von Harry Potter ein paar Stellen aufgefallen, die ich vom Stil her nicht mehr ganz so gelungen fand. Aber das wird wohl nichts an meiner Liebe für dieses Buch ändern.
    Umgekehrt führt das dazu, dass es mir persönlich irgendwann schwer fällt, solche Bücher subjektiv zu bewerten, was mir vor anderthalb Jahren vor allem bein "Finding Sky" aufgefallen ist. Beim zweiten Teil hatte ich dann allerdings sogar eher den umgekehrten Fall, der gefiel mir beim Re-Readen besser.

    Letztendlich habe ich Bücher u.a. auch deshalb gerne im eigenen Regal stehen, um sie immer wieder aufschlagen zu können, mal für kurze Zitate, mal für kleine Passagen oder eben für die komplette Geschichte.

    Liebe Grüße
    Dana

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    1. Liebe Dana,

      das, was du beschreibst, kann ich absolut nachvollziehen – und du hast recht: der emotionale Wert bleibt im Großen und Ganzen unverändert, und die Liebe bleibt meist bestehen, auch wenn man kleinere (oder gar größere) Fehler entdeckt. Aber es gibt ja auch für jede Regel eine Ausnahme. ;)

      Dass das Buch beim zweiten Lesen besser gefällt, ist mir auch schon passiert, und immer wieder eine freudige Überraschung. :) Und ja, deshalb liebe ich mein Bücherregal auch über alles – es ist toll, die Geschichten jederzeit wieder besuchen zu können.

      Alles Liebe,
      Isabella

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