Mittwoch, 16. August 2017

[Rezension] Lord of Shadows – Cassandra Clare

Da es sich hierbei um den zweiten Teil einer Reihe handelt, kann die Rezension Spoiler enthalten.


Inhalt
Emma und Julian hofften, dass Distanz ihre verbotene Liebe mindern würde, doch ihr Parabatai-Bund ist stärker denn je. Eine Reise in die Welt der Feen bringt ihnen eine Möglichkeit, den Bund zu brechen, und einen neuen Feind: den Feenkönig, Kierans Vater.
Auch in den Reihen der Schattenjäger werden Intrigen geschmiedet, als sich eine neue Organisation herauskristallisiert. Der Cohort setzt sich für die Trennung von Schattenwesen und Schattenjägern ein, und schreckt dabei vor keiner Brutalität zurück…

Meine Meinung
Ich habe Lady Midnight geliebt. Dann habe ich Lord of Shadows gelesen.
Nach mittlerweile über acht Jahren bin ich immer noch jedes Mal aufs Neue überrascht, wie es Cassandra Clare wieder und wieder gelingt, mich vollkommen zu begeistern. Ich dachte, Lady Midnight wäre grandios, wenn nicht sogar ihr bestes Werk – aber wenn man mich fragt, verblasst es neben Lord of Shadows. Als hätte es sorgsam und gemächlich das Fundament gelegt, und Lord of Shadows wäre das atemberaubende Bauwerk darauf, das so viele sorgsam gestaltete Details enthält, dass man gar nicht weiß, wo man mit dem Staunen anfangen soll.
Von der ersten Seite an hatte mich das Buch gepackt; Cassandra Clare legt ein ungewohntes Tempo vor, und es gibt nur wenige ruhige Momente in Lord of Shadows. Ich stand kontinuierlich unter Strom, während ich das Buch gelesen habe, konnte und wollte es nicht weglegen – die Bedrohung von Malcom im ersten Band war meiner Meinung nach gar nichts gegen das Grauen, das auf die Schattenjäger in Lord of Shadows wartet. Gerade, weil es von mehreren Seiten kommt, und darüber hinaus Dimensionen annimmt, die mich als Leser schlichtweg schockierten.
Womit ich mir ganz sicher bin: Lord of Shadows ist Clares düsterstes Buch. Die Charaktere stehen nicht nur vor Entscheidungen ungeahnter Größe und Brutalität, sondern machen darüber hinaus unmoralische Dinge und betreten Wege, die ich nicht für möglich gehalten hätte. In anderen Büchern von Clare hatte ich oft das Gefühl, dass die Charaktere durchweg undurchdachte Entscheidungen treffen; auch das ist bei Lord of Shadows nicht mehr der Fall. Ich schätze, das liegt nicht zuletzt daran, in welchen Zeiten Emma und die Blackthorns aufgewachsen sind, und wie diese sie dazu gezwungen haben, viel zu früh erwachsen zu werden.
Das Buch erhält außerdem mit dem Auftreten des Cohorts eine politische Note, die ebenfalls neu für Clare ist und – neben den Charakteren, natürlich – fast mein "Lieblings"aspekt des Buches ist. Die extremistischen Einstellungen dieser Gruppe waren erschreckend, widerwärtig… und verdammt real, wie eine beängstigende Prophezeiung vonseiten Clares. Gerade, wenn man einen Blick auf aktuelle Entwicklungen wirft, wirkt Lord of Shadows wie ein unheimlicher Spiegel, den man eigentlich nicht wahrhaben will.
Kurzum: Der Plot von Lord of Shadows ist pure Genialität. Dass das Buch 700 Seiten schwer ist, hat man – gerade im Kontrast zu Lady Midnight – an keiner Stelle gemerkt.
Wahrscheinlich verdreht jemand von euch jetzt die Augen, aber das Herz der Geschichte sind – wie üblich – die Charaktere. Eine unangenehme Wahrheit gleich im Voraus: Am wenigsten interessiert hat mich Emma und Julians Beziehung. Versteht mich nicht falsch, ich habe die Szenen geliebt, in denen gezeigt wird, wie gut sie miteinander arbeiten können. Ich kann jedoch nur begrenzt die romantische Spannung nachvollziehen, und von allen Ships in dem Buch interessiert mich ihres letztendlich am wenigsten. (Auch wenn ich mir… Sorgen mache, ob/wie der Parabatai-Bund gelöst wird.) Ich mag auch Emma viel lieber als Julian, hauptsächlich, weil ich bei ihren Szenen mehr das Gefühl hatte, dass sie auf den Punkt kommt – bei Julian ist alles oft viel zu kompliziert, und in der nächsten Sekunde jagt mir der Junge Angst ein. (Obwohl Emma definitiv der einzige Charakter in der Reihe ist, der sich immer noch kopflos in wahnwitzige Gefahren stürzt.)
Dafür haben mich die anderen Charaktere (und ihre Liebeleien) viel mehr überzeugt. Ich war überrascht, wie sehr mir die Blackthorns letztendlich am Herz liegen, da ich mich nach Lady Midnight noch davon überzeugen wollte, dass ich sie ja gar nicht sooo gern mag. Aber ganz im Ernst – das Trio Livvy, Ty und Kit war einfach mein persönliches Highlight! Gerade Kit stand ich im ersten Band noch skeptisch gegenüber, in Lord of Shadows hat er mein Herz im Sturm erobert. Es ist spannend, zu sehen, dass er zwar neu in den Schattenjäger-Reihen ist, aber dennoch einiges über sie weiß. Besonders herzerwärmend war es, zu lesen, wie er insbesondere von den Zwillingen aufgenommen wurde, und grundsätzlich brachte er einfach etwas Erfrischendes in die Runde. Die Herondales sind schon genial.
Von Cristina war ich bereits im ersten Buch ein Fan, und das hat sich in Lord of Shadows nicht im Geringsten verändert: Mit ihrer erwachsenen, ehrlichen Art ist sie gute Seele und Ruhepol gleichermaßen. Auch mit Mark wurde ich vollends warm, und selbst, was die Entwicklungen Kierans anbetrifft, hat Clare gezeigt, dass in ihm tatsächlich ein junger Mann steckt, den man ins Herz schließen könnte.


Spoiler! (Cristina, Mark und Kieran)
Ich kann nicht die Einzige sein, die die Andeutung des Liebesdreiecks mitgekriegt hat?! Im Buch wird es zumindest sehr subtil eingebracht, aber ich hoffe dennoch, dass das nicht weiter verfolgt wird. Cristina hat genug mit Diego durchgemacht, und ihr Tanz mit Kieran war zwar wirklich eindrucksvoll beschrieben… aber wenn sie tatsächlich sich in ihn verlieben würde, hätte ich Angst, dass das nur ihrer Affinität zu Feen zuzuschreiben ist. Aber vielleicht interpretiere ich auch zu viel in das Ganze.


Grundsätzlich bin ich überrascht, wie viele Fragen und offene Stränge Lord of Shadows zurückgelassen hat. Von der plötzlichen Brutalität des Endes, vor der mich haufenweise Leute schon gewarnt haben (nett gemeint, hat aber nichts geholfen! :D), mal ganz abgesehen, habe ich das Gefühl, dass es noch so viele offene Fragen gibt! Ich finde es gar nicht so schlimm, dass Queen of Air and Darkness erst 2019 erscheinen soll, weil Clare sich auch dieses Mal bei der Reihenfolge der Bücher etwas gedacht hat; vielmehr stellt sich mir die Frage, wie zur Hölle sie das alles in einem Buch abwickeln will? Entweder hat der dritte Band über 1000 Seiten oder ich sterbe in jedem Kapitel einen literarischen Tod. Ich bin für die erste Option, bitte danke.
Und ja, das Ende war wirklich heftig. Überraschenderweise habe ich keine Träne vergossen, weil ich so geschockt war, aber damit gerechnet hätte ich niemals.


Spoiler (auch für The Mortal Instruments)! (Ende; offene Handlungsstränge)
Ich habe damit gerechnet, dass jemand stirbt, aber ich hätte niemals damit gerechnet, dass es Livvy sein wird. Ich hätte mehr mit Julian gerechnet, ehrlich gesagt (okay, und vielleicht habe ich es mir gewünscht, jetzt lyncht mich nicht). Ist es bescheuert, dass ich fast noch trauriger wegen Roberts Tod bin? Klar hat er viel Mist angestellt, aber dass Clare einfach einen Charakter aus den Mortal Instruments tötet, trifft mich am meisten. Sie hat damit klargemacht, dass niemand sicher ist, und auch in einem Interview gesagt, dass wir erst nicht mehr um unsere Charaktere fürchten brauchen, wenn die Schattenjäger-Bücher abgeschlossen sind. Sehr beruhigend also. Lasst uns an Clarys Worte zurückdenken und schreien.
Wie auch immer – Roberts Tod verkompliziert alles, weswegen ich wirklich besorgt bin, was Julian angesichts des Angebots der Feenkönigin unternehmen wird. Gerade, weil er Livvy verloren hat. Puh…
Und was zur Hölle hatte es mit dem Kind auf sich, das Dru in der Feenwelt sieht?! Das wird in LoS überhaupt nicht mehr aufgenommen, und da gibt es einfach so viele Fragen zu beantworten. Ich ordne mich bei der Meinung ein, die ich oft kursieren habe sehen: dass es sich dabei insgeheim um Sebastians Kind handelt. Es passt einfach zu gut mit dem Aussehen! Auch wenn die Vorstellung… minimal verstörend ist.


Es gibt nur noch einen Punkt, über den ich mich noch nicht begeistert ausgesprochen habe – auch in Lord of Shadows gibt es wieder zahlreiche altbekannte Charaktere, die auftauchen. Ich will euch gar nicht verraten, wer, aber die Besuche werden länger und intensiver und es ist einfach fantastisch. Der Traum eines Fans, quasi.
Mittlerweile seid ihr mein Geschwärme vermutlich leid – kurz gesagt: Ich glaube tatsächlich, dass Lord of Shadows Clares bestes Werk ist, aber das ändert sich vermutlich mit den nächsten Büchern, die sie auf den Markt bringt. Bis dahin seid ihr vor weiteren Lobtiraden sicher. Und wenn du das hier noch liest und das Buch noch nicht kennst, dann, bitte, tu mir den Gefallen und hole das gefälligst nach.

Fazit
Lord of Shadows ist nur ein weiterer Beweis dafür, wie sehr Cassandra Clare als Autorin gewachsen ist. Die Geschichte entwickelt sich auch in der Hinsicht von Diversität weiter, die Geschwindigkeit des Plots nimmt ungeahnte Dimensionen an und auch in Charakterhinsicht brilliert das Buch auf voller Linie.
(Und allein die Tatsache, dass die Rezension über 1200 Wörter fasst und mir immer noch Dinge einfallen, die ich loben könnte, sollte euch Kaufgrund genug sein.)


Lord of Shadows ⚬ Hardcover: 700 Seiten ⚬ Margaret K. McElderry Books ⚬ Band 2/3 ⚬ ca. 17,99€*

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Samstag, 12. August 2017

Rereads: ein doppeltes Lesevergnügen

Heute möchte ich einmal ein Thema ansprechen, das mir schon seit ein paar Wochen im Kopf herumgeht, seitdem ich dazu einen tollen Beitrag bei Stopfi's Bücherwelten gelesen habe – Rereads. Genauer gesagt, warum ich ein großer Verfechter davon bin, Bücher ein zweites (drittes, viertes...) Mal zu lesen.


Mir ist schon öfters die Aussage begegnet, dass man "keine Zeit" hat, Bücher ein zweites Mal zu lesen. Weil es zu viele Neuerscheinungen gibt. Weil der SuB davon nicht kleiner wird. Und natürlich stimmt das, und natürlich ist es schön, mit dem Lesestoff up to date zu sein – aber dabei lässt man doch ein wenig die emotionale, vielleicht sogar melancholische Komponente des Lesens unter den Tisch fallen, oder?

Cornelia Funke beschreibt es ganz richtig in Tintenherz:
"Wenn du ein Buch auf eine Reise mitnimmst, […] dann geschieht etwas Seltsames: Das Buch wird anfangen, deine Erinnerungen zu sammeln. Du wirst es später nur aufschlagen müssen und schon wirst du wieder dort sein, wo du zuerst darin gelesen hast."
(Tintenherz, Cornelia Funke, Dressler Verlag)
Ich lese natürlich keine Bücher ein zweites Mal, die ich beim ersten Mal schon nicht ausstehen konnte. Aber City of Bones, das mein Lesefieber erst so richtig entfacht hat? Oder der Klassiker, Harry Potter, der meine Kindheit wie nichts anderes geprägt hat? Noch einmal (und noch einmal) in diesen Geschichten zu versinken, ist doch letztendlich ein Geschenk, das ich mir selbst mache. Und ich fände es schade, wenn man die Lust auf etwas Altvertrautes unterdrücken würde, nur, weil man fürchtet, wegen dem Blog in den Verzug zu kommen, oder unbedingt die Neuerscheinung lesen "muss", damit man mit dem Trend mithalten kann. Das wirklich Einzige, was bei mir jemals Lesevorrang hat, sind Rezensionsexemplare, und die nehme ich ja bewusst an.

Darüber hinaus finde ich, dass man beim Rereaden nicht nur alte Erinnerungen besucht, sondern auch einiges über sich selbst lernt. Habe ich mit zehn Jahren gedacht, dass Harry Potter und der Orden des Phönix sich ganz schön zieht, hat es mir mit achtzehn unglaublich gut gefallen, weil ich Harrys inneren Kampf viel besser nachvollziehen konnte.


Vor allem entdeckt man immer wieder neue Details. The Hate U Give hat mich dermaßen umgehauen, dass ich es in einem Zeitraum von vier Wochen dreimal gelesen habe, zweimal direkt hintereinander. Und bei jedem Lesen ist mir eine andere Passage aufgefallen, die mich besonders bewegt hat, oder ein Detail, das mir vorher entgangen ist.

Es gibt auch noch zwei sehr rationale Gründe für mehr Rereads: Zuallererst gebe ich ja Geld für das Buch aus, dann kann ich es auch ruhig mehrmals lesen, damit es sich richtig "lohnt". 😎 Außerdem ist es gerade bei Reihenfortsetzungen hilfreich, den/die Vorgänger ein zweites Mal zu lesen. (Oder bin ich die Einzige, die ein Gedächtnis wie ein Sieb hat?) Natürlich kostet das Zeit, aber dafür ist eine bessere Leseerfahrung bei der Fortsetzung garantiert, weil man sich nicht alle zwei Minuten darüber wundert, wer noch einmal der komische Typ war und warum die Protagonistin humpelt (so ungefähr).

Aber was, wenn es mir nicht mehr so gut gefällt wie damals? Auch die Befürchtung habe ich öfters gelesen. Ganz im Ernst: dass man auch als Leser wächst, gehört zum Leben dazu. Zumindest nehme ich das Risiko bereitwillig in Kauf, ganz besonders, seitdem ich festgestellt habe, dass ich an meinem kritischen Lesen arbeiten muss. Natürlich fühlte es sich irgendwie seltsam an, A Court of Thorns and Roses beim zweiten Lesen von fünf auf drei Sterne herunterzustufen… aber hauptsächlich hatte ich das Gefühl, das (für mich!) Richtige zu tun.

Das Gegenteil habe ich übrigens auch schon öfters beachtet, zuletzt bei Julia und Anna, die ich hier an der Stelle ganz dreist als Beispiele benutze. (Sorry, ihr zwei! ;)) Bei beiden habe ich mitgekriegt, wie sie die Harry Potter-Bücher zum ersten Mal lasen. Und gerade heute bin ich darüber gestolpert, dass Anna dem dritten Band vier Sterne verpasst hat, und Julia dem Reihenabschluss "nur" drei. Was für mich total surreal ist, weil die HP-Bücher in meinem Kopf so einen Sonderstatus einnehmen, dass ich mir lieber ein Bein absägen würde als irgendeinem Werk von J.K. Rowling etwas anderes als fünf Sterne zu geben. Harry Potter ist quasi meine Achillesferse, hat mich in der Kindheit so geprägt, dass ich die Bücher auch beim erneuten Lesen als unberührbar betrachte. Ich setze noch einmal eins drauf: Vermutlich sind Julia und Anna in der Lage, die Bücher rationaler zu beurteilen, weil sie schlichtweg nur den Hype kannten und nicht ihre Kindheit damit füllten. Ich weiß, ich weiß, das hat nur noch begrenzt mit Rereads zu tun… aber mich hat diese Beobachtung unglaublich fasziniert.

Am Ende des Tages gilt dasselbe wie immer: Tu das, was dir gefällt. Ich will hier niemanden von Rereads überzeugen, und erst recht will ich nicht das Leseverhalten von irgendjemandem kritisieren. Ihr mögt keine Rereads? Cool. Ihr verbringt 98% eures Lebens damit, eure Lieblingsbücher noch mal zu lesen? Genauso cool. Es hat mich nur gereizt, darüber zu schreiben, weil Rereads für mich etwas ganz Besonderes sind, und ich die emotionale Komponente in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren und in letzter Zeit wieder für mich entdeckt habe.

Jetzt ist der Beitrag (natürlich) mal wieder etwas explodiert, und wenn ihr es bis zum Ende geschafft habt, verneige ich mich vor euch. Verratet mir: Wie steht ihr zu Rereads? Habt ihr vielleicht ähnliche Beobachtungen wie ich gemacht?

Samstag, 5. August 2017

[Rezension] Die Königin der Schatten - Verflucht – Erika Johansen

Da es sich hierbei um den zweiten Teil einer Trilogie handelt, kann die Rezension Spoiler enthalten.



Inhalt
Kelsea Glynn ist jetzt Königin, doch Frieden kehrt noch lange nicht in Tearling ein. Da sie das Abkommen mit der Roten Königin gebrochen hat, ist die Mort-Armee jetzt auf dem Vormarsch, und sie bringt mit sich einen Krieg, den Kelsea unmöglich gewinnen kann. Doch dann tut sich eine mysteriöse Verbindung zu der Vergangenheit auf, die womöglich alles ändern könnte…

Meine Meinung
Als ich Die Königin der Schatten - Verflucht in die Hand nahm, hatte ich befürchtet, Anschlussschwierigkeiten zu haben, da das Lesen des ersten Bandes über anderthalb Jahre zurückliegt. Deshalb war ich umso positiver überrascht, als sich meine Befürchtungen als größtenteils unbegründet herauskristallisierten: Ein ganz grobes Hintergrundwissen reicht, um fast alles in Band 2 zu verstehen, nur bei kleinen Details war ich manchmal verwirrt. Meinem Lesevergnügen hat es zumindest keinen Abbruch getan, und ich musste mir nicht die Zeit nehmen, den ersten Band ein zweites Mal zu lesen (nicht zuletzt, weil der wiederum 500+ Seiten misst).
Das Stichwort ist bereits gefallen: Die Königin der Schatten - Verflucht war von der ersten bis zur letzten Seite ein einziges Vergnügen. Ich bin überrascht, wie gut mir der Band gefiel. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich mittlerweile selbst in Kelseas Altersklasse bewege, aber stand ich der Protagonistin im ersten Band noch zwiegespalten gegenüber, habe ich sie jetzt endgültig ins Herz geschlossen. Gerade, weil sie in ihren ersten Wochen als Königin Fehlentscheidungen getroffen hat und immer noch trifft. Aber immerhin trifft sie Entscheidungen, tritt die Politik nicht nur an irgendwelche Untertanen ab, sondern beteiligt sich aktiv – und sieht auch ihre Verfehlungen ein.
Schmerz entwaffnet nur die Schwachen.
(Die Königin der Schatten - Verflucht, Erika Johansen, Heyne)
Kelsea ist eine Protagonistin mit zahlreichen Makeln, und gerade die Tatsache, dass sie das selbst sieht, macht sie in meinen Augen so sympathisch. Es gibt einfach zu viele Protagonistinnen, die ihr Handeln kein einziges Mal hinterfragen, und Johansen gelingt hier ein erfrischender Twist. In dem zweiten Band entwickelt Kelsea sich noch dazu in eine sehr düstere Richtung, die mich unglaublich faszinierte und mich realisieren ließ, wie sehr ich sie unterschätzt habe. Das teils naive Mädchen aus dem ersten Band ist einer starken Frau gewichen, die sich den Konsequenzen ihrer Handlungen stellt.
Ein kurzer Einwand dazu (für diesen Absatz gilt eine Triggerwarnung für selbstverletzendes Verhalten!): In Folge der Verdüsterung ihres Charakters entdeckt Kelsea auch, dass sie durch ihre bloßen Gedanken Leute verletzen kann. Um ihre Wut zu "kontrollieren", richtet Kelsea diese Kraft immer öfter gegen sich selbst und lässt ihre Haut aufreißen. An mehreren Stellen im Buch wird beschrieben, wie ihre Arme und Beine Wunden zeigen, bluten, etc., und sie tauscht sich sogar mit einem anderen Charakter darüber aus, der ähnlich fühlt. Das finde ich, kurzum gesagt, katastrophal: Es wird ganz deutlich und explizit ein selbstverletzendes Verhalten gezeigt, ohne die Problematiken dessen zu thematisieren. Dass Kelsea es als Ventil für ihre Wut gebraucht, wird als vollkommen akzeptabel dargestellt, was dem Buch stellenweise einen bitteren Beigeschmack verlieh.
Auch die Nebencharaktere, insbesondere Kelseas Königsgarde, oder zum Beispiel Pater Tyler, sind exzellent herausgearbeitet und brillieren als eigenständige Figuren, nicht nur als Hilfswerke der Protagonistin. Jedem wird eine eigene Stimme und eigene Charakteristika verliehen; dass das Buch auch aus anderen Sichtweisen erzählt wird und nicht nur aus Kelseas, hat mich nicht im Geringsten gestört. Im Gegenteil: Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, zu sehen, wie unterschiedlich die Perspektiven auf die Ereignisse sein können und wo Intrigen geschmiedet und Ereignisse enthüllt werden, von denen Kelsea noch gar keine Idee hat.
Und Kelsea fragte sich plötzlich, ob die Menschheit sich je änderte. […] Das bestimmendste Charakteristikum dieser Spezies war wohl die Verfehlung.
(Die Königin der Schatten - Verflucht, Erika Johansen, Heyne)
Schon in Die Königin der Schatten hat mich der Weltenbau ganz besonders fasziniert: Obwohl Kelseas Welt mittelalterliche Zustände darstellt, spielt die Geschichte etwa im Jahr 2300, ist also eine verquere Zukunftsvision. Im ersten Band gab es für meinen Geschmack noch zu wenig Informationen über diese Welt, was sich im zweiten drastisch ändert: Erika Johansen baut über Kelseas Visionen die Perspektive einer Frau namens Lily Mayhew ein, die im 21. Jahrhundert lebt und sich gerade in dieser Umbruchphase befindet.
Zugegeben: Ich stand Lilys Kapiteln etwas zwiegespalten gegenüber, nicht zuletzt, weil ihre Perspektive einen Großteil des Buches einnimmt, was mich etwas abschreckte, weil ja eigentlich Kelseas Geschichte erzählt wird. Auch wenn ich die Ereignisse der Vergangenheit unglaublich spannend fand (dazu gleich noch mehr), fragte ich mich immer wieder, welche Bedeutung ihre Perspektive jetzt für Kelseas Gegenwart hat. Zum Ende des Buches hin werden mehr Parallelen gezogen, aber auch diese erschienen mir etwas an den Haaren herbeigezogen und ließen mich eher unbefriedigt zurück, nachdem ich so viel Zeit mit Lily verbracht hatte. Ich kann mir gut vorstellen, dass man Lilys Sichtweise stark hätte kürzen können – aber, wie gesagt, da die Ereignisse zu ihrer Zeit an sich nicht uninteressant waren, störten mich ihre Passagen nicht zum Lesezeitpunkt, sondern eher im größeren Zusammenhang.
Und, wie bereits angedeutet: Die Essenz des Weltenbaus ist einfach unglaublich genial! Ich habe noch nie etwas Vergleichliches gelesen. Was Erika Johansen in Die Königin der Schatten - Verflucht ausführt, ist kreativ und faszinierend und erschreckend zugleich. Ich kann aufgrund von Spoilern nicht ins Detail gehen, aber sie löst sich etwas von dem dystopischen Weltenentwurf und widmet sich Leuten zu, die bewusst eine Utopie schaffen wollten. Ich bin immer noch begeistert; es ist einfach vollkommen anders als alles, was ich jemals gelesen habe. Johansen revolutioniert High Fantasy, und sie macht es mit einer beeindruckenden Leichtigkeit.
Kurz gesagt: Obwohl Die Königin der Schatten - Verflucht über 600 Seiten stark ist, habe ich die Dicke des Buches höchstens in den Momenten gespürt, in denen mein Handgelenk nachgeben wollte. Die Kapitel flogen förmlich an mir vorbei, und ich war konstant gespannt, wie Kelseas Geschichte weitergeht, ob sich eine Lösung finden lässt, um die Mort-Invasion irgendwie zu stoppen. Vermutlich ist das Buch einer der besten zweiten Bände, die ich jemals gelesen habe.

Fazit
Die Königin der Schatten - Verflucht ist ein grandioser zweiter Band, der die Schwachstellen des Auftakts ausmerzt und mit seiner Originalität beeindruckt. Trotz ein paar kleinerer Kritikpunkte flogen die Seiten förmlich an mir vorbei, und ich bin unglaublich gespannt darauf, welches Ende Kelseas Geschichte nehmen wird!


Vielen Dank an Heyne für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Die Königin der Schatten - Verflucht ⚬ übersetzt von Sabine Thiele ⚬ Broschüre: 608 Seiten ⚬ Band 2/3 ⚬ Heyne Verlag ⚬ 14,99€*

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